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Prof. Wilhelm Matzat verstorben

Dirk Löhr

Am 21. 10.2016 verstarb Prof. Dr. Wilhelm Matzat im Alter von 86 Jahren nach kurzer, schwerer Krankheit.  Matzat war von 1969 bis 1995 Professor für Geographie an der Universität Bonn, studierte Geographie, Geologie und Geschichte in Erlangen, Göttingen, Frankfurt/M. und Worcester/Massachusetts, USA.

Wilhelm Matzat (2.9.2014, in Bonn - eigenes Foto)
Wilhelm Matzat (2.9.2014, in Bonn – eigenes Foto)

Bekannt wurde er einer breiteren Fachöffentlichkeit v.a. durch die Forschungen über die Bodenordnung seiner Heimatstadt Qingdao (ehemalige Transkription: Tsingtau). Einiges davon ist auf seiner Homepage http://www.tsingtau.org/ noch nachzulesen.

 

In Qingdao errichtete das deutsche Kaiserreich von 1898 bis 1919 eine Kolonie, was aus heutiger Sicht als ein aggressiver und verbrecherischer Akt zu bewerten ist. Allerdings wird bis heute in China die deutsche Besatzung wegen der Hinterlassenschaften v.a. bezüglich Infrastruktur und Architektur wesentlich weniger negativ bewertet als die japanische Okkupation. Auch das Bier aus Qingdao, das auf die deutsche Besatzung zurückgeht und noch heute hergestellt wird, ist in ganz China berühmt.

Die Forschung Matzats drehte sich aber v.a. um die Land- und Steuerordnung von Qingdao. Diese studierte auch Sun Yat-sen (chinesisch: Sun Zhongshan, 孫中山) vor Ort, der sowohl im “kommunistischen” China wie auch in Taiwan als Gründer des modernen China verehrt wird. Sun Yat-sen war von dem Land- und Steuerregime in Qingdao so begeistert, dass er das Regime auf ganz China ausdehnen wollte. Der zuständige deutsche Administrator, Wilhelm Schrameier, wurde sein persönlicher Berater. Leider starben beide zu früh (Sun Yat-sen 1925 bzw. Schrameier 1926), um die Pläne in die Tat umzusetzen.

Einen guten Überblick über  die Geschehnisse bietet das von Nike Breyer /  TAZ in 2007 geführte Interview mit Wilhelm Matzat

“Das war der Boden für Tsingtaus Erfolg” (bitte klicken)

Mit Wilhelm Matzat verlässt der profundeste Kenner der historischen Geschehnisse um Qingdao die Bühne. Verloren geht ein Wissenschaftler, der nicht nur in Deutschland, sondern auch in China hohes Ansehen genoss. Und: Ein liebenswürdiger, hilfsbereiter und wacher Mensch, dem Arroganz gänzlich fremd war.

Es wäre schön, wenn man sich im Rahmen der augenblicklich in Vorbereitung befindlichen Grundsteuerreform an den von Wilhelm Matzat aufgearbeiteten Teil der deutschen Kolonialgeschichte erinnern könnte.

 

Siehe auch: The Qingdao Land Regime – Lessons Learned
(bitte klicken)

Artikel von W. Matzat und T. Warner, Zeitschrift für Sozialökonomie (120. Folge, 1999) (bitte klicken)

 

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Telepolis: Die beste von allen schlechten Steuern

Dirk Löhr

Für die einen stellt sie einen unzulässigen Eingriff in die Eigentumsrechte dar und sollte daher am besten ersatzlos abgeschafft werden. Für die anderen ist sie das Mittel der Wahl für die Finanzierung der öffentlichen Hand: Die Grundsteuer. Sie stellt eine der ältesten Abgaben dar, und gleichzeitig eine der am wenigsten verstandenen und am meisten unterschätzten – zumindest hierzulande.

Bodenwertzonen in der deutschen Kolonie Qingdao (Karte zur Verfügung gestellt durch Prof. Dr. W. Matzat)
Bodenwertzonen in der deutschen Kolonie Qingdao (Karte zur Verfügung gestellt von Prof. Dr. W. Matzat)

S. hierzu den am 25.10.2015 erschienenen Artikel in Telepolis:

Die beste von allen schlechten Steuern (bitte klicken)

Die Grundsteuer wurde bereits erfolgreich vor mehr als 100 Jahren in der deutschen Kolonie Qingdao in China zur Bekämpfung der Bodenspekulation und zur Erzielung von Steuereinnahmen eingesetzt (s. die obige Bodenwertkarte von Qingdao).  Die heutige Diskussion der Länderfinanzminister um eine Reform der Grundsteuer hinkt dem Stand vor über hundert Jahren deutlich hinterher.