Die vier Dimensionen der ökonomischen Rente

Michael Wolter*

Das Wesen der ökonomischen Rente im Kern zu verstehen stellt sich häufig als nicht gerade einfach heraus. Also liegt es auf der Hand sich auf die Suche nach möglichen Archetypen zu machen, um die Grundform herauszuarbeiten. Bisher galt die Bodenrente als die Urform. Doch ist auch sie noch komplex genug, um in Verwirrung zu geraten zu können. Stützt sich die Bodenrente beispielsweise ausschließlich auf die geographische Lage in zwei Dimensionen oder gehört auch die Bodenqualität dazu? Bei den sogenannten Flughafen Slots, also den Zeitnischen, in denen Flugzeuge einen bestimmten Luftkorridor in der Umgebung von Flughäfen benutzen dürfen, um starten und landen können, sieht das ganz anders aus. Zwar ließe sich dabei auch vortrefflich eine ökonomische Rente generieren, allerdings käme hier als dritte Dimension die Höhe ins Spiel und die Bodenqualität würde dabei unter Garantie keine Rolle mehr spielen.

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Michael Wolter

Es wäre also durchaus sinnvoll sich nach Möglichkeit aller Sekundärfaktoren, welche nicht wirklich von Nöten sind, zu entledigen und ein Modell-Beispiel zu finden, welches sich am besten auf rein Gar-Nichts gründet. Und zufällig gibt es so eine Situation  –  nämlich im Weltraum.

Versetzen wir uns in das Jahr 2098. Die Mondstationen werden nach und nach ausgebaut und der lunare Rohstoffabbau expandiert. Nun endlich soll auch eine große Raumstation zwischen Mond und Erde gebaut werden. In kluger Voraussicht haben sich die Chinesen bereits viele Jahre zuvor den Lagrange-Punkt L1 im Erde-Mond-System mit einem Schrottsatelliten gesichert. L1 ist der Punkt, an dem sich die Anziehungskraft der Erde einerseits und die Anziehungskraft des Mondes, sowie die Fliehkraft der Raumstation andererseits aufheben. Das hat den großen Vorteil, dass die Raumstation so gut wie keinen Treibstoff und keine großen Triebwerke benötigt, um ihre Position dauerhaft halten zu können. Da nun die Amerikaner aber auch eine große Raumstation zwischen Erde und Mond bauen wollen und der Punkt L1 schon besetzt ist müssen sie im Gegensatz zu den Chinesen größere Triebwerke in Bereitschaft halten und ständig Treibstoff verbrennen, um ihre Position halten zu können.

In dieser Konstellation verfügt also China über einen steten Nutzenvorteil gegenüber Amerika und allen anderen, der sich auch in bare Münze verwandeln lässt, sozusagen eine Weltraumrente. Dies gelingt zum Beispiel, indem China den gleichen Betrag von einem Reisenden, der die Raumstation benutzt verlangt, wie Amerika bei seiner Raumstation. Amerika muss hiervon Treibstoff und Technik bezahlen, während China das Geld einfach so einsteckt. Diese ökonomische Rente beruht also auf nichts weiter, als einem Bereich luftleeren Raumes, wobei wir zum Kern unseres Anliegens vorstoßen. Es ist alleine der Raum mit seinen drei Dimensionen worauf sich, die ökonomische Rente hier gründet. Vermutlich ist das auch der Grund, warum Immobilienmakler instinktiv drei Kriterien für den Kauf einer Immobilie angeben, nämlich Lage, Lage und Lage.

Alleine der Raum? Wenn wir schon drei Dimensionen als Basis für eine ökonomische Rente identifiziert haben, könnte dann nicht auch die vierte Dimension Zeit eine Basis für ökonomische Renten darstellen? Wie ist das, wenn mir z.B. jemand Zeit zu Verfügung stellt, um so lange ich noch jung bin ein Haus bauen zu können? Obwohl ich es schaffen könnte, innerhalb von 60 Jahren alle Steine selber aufeinander zu schichten, wäre das nicht besonders sinnvoll, wenn ich das Haus jetzt sofort brauche, wo die Kinder noch klein sind. Benutze ich also die Lebenszeit anderer, z.B. des Bauarbeiters, dadurch, dass ich mir konzentrierte Zeit in Form eines Kredits leihe, dann stellt die Zeit ebenfalls eine Basis für eine weitere ökonomische Rente dar, nämlich den Zins.

Und den Bezug zwischen Zeit und Zins kennt ja eigentlich jeder, der als Kind das Buch “Momo” von Michael Ende gelesen hat.

 

*Michael Wolter (46), Stuttgart, chemisch-technischer Assistent.

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4 thoughts on “Die vier Dimensionen der ökonomischen Rente”

  1. Das ist ja nun eine sehr schöne Story die sich ganz speziell auf die Konditionen der Schwerkraft bezieht. Man erkennt unschwer, dass die Schwerkraft (Gravitation) eine Wirkung hat, die einerseits wirtschaftliche Kosten auslöst (mehr oder weniger) andererseits aber auch durch ein entsprechendes Angebot an einem Ort erhöhter Nachfrage entsprechende Gewinne erwirtschaften kann.

    Ich behaupte daher, da wir uns bei einer Rente stets in einem monetären Umfeld befinden, dass die Größe der (potentiellen) Nachfrage, die zu einem irgend gearteten Gewinn d.h. Einkommen führen kann der Masstab für eine Rente ist. Der Maßstab für eine Rente wiederum ist aber der Maßstab des Interesses der zu jederzeit und an jedem Ort durch das plötzliche Erscheinen eines Wirtschaftssubjektes entstehen kann, quasi aus dem “NICHTS”! – So wie Interesse eben aus dem Nichts entstehen kann – ureigen geschöpft.
    Beispiel – Irgendwo mitten in der Wüste ist die Wahrscheinlichkeit einer Nachfrage sehr gering. Fährt ein Forscher nun in diese Wüste und verliert plötzlich dabei einen Radbolzen, so entsteht bei ihm ein dringendes Interesse nach einem Radbolzen um den einsamen Ort wieder verlassen zu können. Ein Schrott- und Stein-sammer, der zufällg vorbeikommt wird eine alte sogar gebrauchte aber passende Schraube zu einem vielfachen, dem Interesse des Havarierten angemessenen Preis über Schrottwert verkaufen können. Wir haben hier also die Dimension des Raumes, des Interesses und eigenartigerweise die Dimension des NICHT-Seins, nämlich der Abgeschiedenheit, die durch die Dimension einer weltweiten Kommunikation nebst einer Dimension des Transportes/Lieferbarkeit zum Teil wieder ausgeglichen werden kann.

    Sollte sich aber der Forscher, mit genügend Proviant versehen z.B. in seinem Interesse vom Fahren ab und auf das Marschieren hinwenden, so entsteht auch kein Interesse für einen Radbolzen. Er wird einfach weiterlaufen um auch diese Dimension seines eigenen Seins erleben zu können.

    Nahezu diametral ist die Situation an einem Verkehrsknotenpunkt, wie z.B. einem Bahnhof. Hier ist nun vor allem die hohe Wahrscheinlichkeit für bestimmte Interessen von Bedeutung die in gewisser Proportionalität abhängig ist von dem kontinuierlichen Interessentenstrom der an bestimmten Punkten mit gesetzmäßiger Notwendigkeit entsteht. Das potentielle Interesse dieser Interessenten läßt sich durchaus zur Nachfrage erhöhen bzw. zu dieser verwandeln.

    Hinsichtlich des Interesses der Nachfrage haben wir nun die Dimension des Zweck-Interesses (Transport) wie auch so etwas wie ein beiläufiges Interesse, wenn ich nämlich quasi “nebenbei” z.B. noch ein Brot oder ein Stück Kuchen mitnehmen kann und mir dadurch einen zusätzlchen Weg ersparen kann.

    Hier kommt hinzu eine weitere Dimension, nämlich z.B. die des Fahrplanes, der es mir erlaubt noch für 5 Minuten anzustehen oder nicht, wenn ich den Zug nicht versäumen will.

    Wir können also zusammenfassend aus diesen wenigen Beispielen konsatieren, dass der Urquell jeder Rente im individuellen Interesse jeden Wirtschaftrssubjektes zu suchen ist, die Dimensionen sich aber aus einem ständig wechselnden individuellen Beziehungsgeflecht ergeben.

  2. Aber ist ein Geldbetrag, den ich aus einem monopolisierten Handel (Radbolzen) oder einer Dienstleistung (Bahnhof) heraus gewonnen habe wirklich eine echte Rente? Schließlich wurde ja eine adequate Gegenleistung erbracht.

    Im Weltraum dagegen habe ich diesen Punkt L1 nicht geschaffen, keine Leistung erbracht. Er war schon Milliarden Jahre vor der Menscheit vorhanden und es wird ihn vermutlich auch noch Milliarden Jahre nach der Menscheit geben.

    Was ich gemacht habe ist diesen Punkt L1 zu besetzen, einen “Zaun” darum zu errichten und enweder den Nutzenvorteil selber (praktisch) einzustreichen oder diesen Vorteil zu verkaufen. In beiden Fällen habe ich vielleicht Erschließungskosten (Bau der Raumstation) vorgestreckt, doch das worauf sich dieser Vorteil gründet habe ich im eigentlichen Sinne nicht geschaffen. Somit habe ich in diesem Punkt keine Leistung erbracht, auf deren Basis mir eine adequate Vergütung zustünde. Trotzdem kassiere ich hieraus eine Rente und belaste alle anderen mit den Verzichtskosten.

    1. Zwar haben einige US-Firmen inzwischen begonnen Grundstücke auf dem Mond zu verkaufen, nichts desto trotz ist aber nach UNO-Resolution der Weltraum nicht privatisierbar, also auch nicht ohne weiteres besetzbar.
      Aber einmal davon abgesehen, dass es auch noch einen L4 und L5 gibt, der ggf. auch weniger kostengünstig ist, Ist dieser Punkt nur für einen bestimmten Level von Raumfahrt überhaupt von Interesse…
      Und genau das wollte ich eigentlich verdeutlichen! – Ich brauche stets einen konkreten Beziehungsrahmen bzw. bewertbares Beziehungs-Netz um überhaupt von Renten sprechen zu können. Wenn ich z.B. ein interstellares Raumschiff der Orion-8 Klasse nehme ist mir dieser läppische Lagrange Punkt herzlich egal, oder allerhöchstens der Ort eines Schrott-Satelliten welchen es um eine Havarie zu vermeiden, ggf. zu umschiffen gilt.
      Ich kann nur dann dort von irgendeinen Wert ausgehen, den ich ggf. liquidieren kann, wenn dort auch ein Nutzungsinteresse, d.h. potentieller Bedarf, Nachfrage gegeben ist.
      Um noch einmal auf den Schrott- und Meteorieten Sammler in der Wüste zurück zu kommen. Die Schraube die er als Radbolzen verkauft hat vielleicht einen Schrottwert von 10 ct und einen Neuwert von 5,- € Er wird diese aber eben, als aufgeklärter Händler z.B. für 50.– € verkaufen. Das ist seine Verkäufer-RENTE! – Die der Käufer gerne bereit ist zu bezahlen, denn, gesetzt den Fall er hätte Internet via Satelliten-Telefon, so würde Ebay z.B. nicht ohne weiteres mitten in die Wüste an seine Koordinaten liefern können und er müsste weitere Dienste, wie z.B. einen Kleinflugzeug-Transporteur oder was auch immer einschalten um dort an dieses Teil zu kommen.

      Oder anders gesagt, eine Rente fällt immer dann an, wenn Wettbewerb nur eingeschränkt möglich ist. Sei es dass die Ressourcen eingeschränkt sind, sei es dass die Anbieter (auch eine Ressource) eingeschränkt sind UND wenn Interesse vorhanden ist für eine potentielle Nachfrage und Nutzung der Ressourcen.

      Oder noch ursprünglicher, jede Beschränkung, ob natürlich oder künstlich, die auf ein Interesse mit potentieller Nachfrage/Nutzung trifft erzeugt eine Rente.

      Wobei eine Rente, wenn ich von der Verkäufer und Käufer-Rente ausgehe stets ein Gewinn sein musss, da ansonsten niemand seinen Lebensunterhalt fristen könnte. Im Bezug auf die Veräufer und Käufer-Rente wird somit besonders deutlich, dass wir uns gegenseitig zu Gewinn und Auskommen verhelfen. Wenn ich nur meine Kosten erlösen kann, kann ich persönlich nicht überleben.

      Die EIGENTLICHE Frage wird daher sein,wann und wo ist eine Rente berechtigt und unter welchem Umständen ist diese u.U. nicht berechtigt, d.h. bin ich nicht berechtigt, mir diese für meine privaten Zwecke anzueignen.

  3. Guten Tag,
    was ist eigentlich gegen die Theorie der Rente (absolute Rente, Differentialrente I und II) bei Marx einzuwenden? Gut, wenn die Mehrwerttheorie nicht gemocht wird, dann bleibt das Tor geschlossen. Dann ist aber auch das Verständnis der heute noch stattfindenden “Ursprünglichen Akkumulation” pedu. Aber sonst? Welche Einwände?
    Gruss
    B. Behrendt

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