Geldschöpfung und kein Ende: Robinson und die Eichhörnchen

Dirk Löhr

Um die Geldschöpfungsdebatte habe ich bewusst immer einen großen Bogen gemacht – die Chance, sich einen Shitstorm einzufangen und arbeitsunfähig zu werden, ist kaum irgendwo größer als hier. Doch sei’s drum. Ich sehe mich nun genötigt, das Thema in diesem Blog aufzugreifen. Denn manche Befürworter der „autonomen Geldschöpfung“ der Geschäftsbanken gehen so weit zu behaupten, Kredite könnten vergeben werden, ohne dass zuvor Ersparnisse gebildet worden wären. Dies würde bedeuten, dass das auf die Physiokraten zurückgehende und von Gesell und Keynes aufgegriffene volkswirtschaftliche Kreislaufdenken obsolet wäre. M.E. ist dies harter Tobak, der zustande kommt, weil

  • die realwirtschaftliche „Parallelwelt“ in der Argumentation nicht beachtet wird und
  • die Argumentation genauso wenig wie die Neoklassik zwischen Kapital und Land differenziert.

In einem ersten Schritt soll nachfolgend der Geldschöpfungsvorgang anhand einer Robinsonade so dargestellt werden, wie das auch die Deutsche Bundesbank in ihren Veröffentlichungen macht. In einem zweiten Schritt wird dann die Erweiterung um die realwirtschaftliche Parallelwelt vorgenommen. Der dritte Schritt macht die Konsequenzen einer Differenzierung zwischen Land und Kapital deutlich. In einem Schlussteil werden noch ein paar Anmerkungen zur Rolle des Zinses und der ökonomischen Renten gemacht.

 

Das Geldschöpfungsphänomen

Anders als einige Autoren v.a. aus dem freiwirtschaftlichen Spektrum folgen wir der Auffassung, dass eine Geldschöpfung der Banken existiert. Die nachfolgenden Ausführungen sind bewusst z.T. wörtlich an diejenigen der Deutschen Bundesbank zu diesem Thema angelehnt:

In der Regel gewährt die Bank einem Kunden einen Kredit und schreibt ihm den entsprechenden Betrag auf dessen Girokonto als Sichteinlage gut. Wird einem Kunden ein Kredit über 1.000 GE gewährt (z. B. Laufzeit 1 Periode), erhöht sich die Sichteinlage des Kunden auf seinem Girokonto um 1.000 GE. Es ist Buchgeld entstanden oder es wurden 1.000 GE Buchgeld geschaffen.

Vergibt die A-Bank also den Kredit an Robinson, so kann sie diesen in einem ersten Schritt dadurch finanzieren, dass sie den entsprechenden Betrag an Buchgeld selbst schafft. Sie verbucht auf der Aktivseite ihrer Bilanz den gewährten Kredit als Forderung an den Kreditnehmer, auf der Passivseite ihrer Bilanz schreibt sie dem Kreditnehmer den Kreditbetrag auf dessen Konto als Sichteinlage gut. Aus Sicht der Bank ist diese Sichteinlage eine Verbindlichkeit – sie schuldet dem Kontoinhaber dieses Geld.

In der stilisierten Bilanz der A-Bank sieht dies folgendermaßen aus:

A-Bank
Aktiva Passiva
1.000 GE Kredit an Robinson Sichtguthaben Robinson 1.000 GE

Die Kritik, die Banken würden an dieser Stelle wegen der Zinsdifferenz zwischen Kreditzinsen und Zinsen auf Sichtguthaben hohe Zinsgewinne erzielen, hält allerdings nicht. Robinson wird nämlich das ihm eingeräumte Sichtguthaben schnellstens für eine Zahlung (an Freitag) verwenden, von dem er z.B. einen Speer kauft. Dabei überweist Robinson die 1.000 Euro auf ein Girokonto von Freitag bei der B-Bank. Für die Kredit gebende A-Bank bedeutet dies, dass die Sichteinlage des Kunden, also das selbst geschaffene Buchgeld, abfließt – und dass sie den Kredit nun “refinanzieren” muss. Laufen alle Vorgänge in einer einzigen “logischen Sekunde” ab (dazu unten mehr), kann ihr dazu die B-Bank einen Kredit gewähren – viele Banken haben tatsächlich untereinander entsprechende Vereinbarungen.

A-Bank
Aktiva Passiva
1.000 GE Kredit an Robinson Sichtguthaben Robinson 0 GE
Verbindlichkeit ggü. B-Bank 1.000 GE

In der Bilanz der B-Bank wird dies wie folgt abgebildet:

B-Bank
Aktiva Passiva
1.000 GE Kredit an A-Bank Sichtguthaben Freitag 1.000 GE

Die A-Bank hat somit eine täglich fällige Verbindlichkeit gegenüber der B-Bank. Die A-Bank muss nun den Zinsertrag aus dem Kundenkredit an Robinson zum Teil an die B-Bank abgeben – und damit einen Teil ihres Gewinns aus der Buchgeldschöpfung.

Fazit: Ohne auf Zentralbankgeld zurückgreifen zu müssen, wird im obigen Beispiel ein neues Guthaben erzeugt – das definitionsgemäß als „Geld“ gilt. Definitionen können nun nicht richtig oder falsch, sondern nur zweckmäßig oder unzweckmäßig sein. Schließt man sich der allgemein gültigen Gelddefinition an, hat das Bankensystem unabhängig von der Zentralbank Geldschöpfung vollzogen. Angemerkt sei allerdings, dass der oben beschriebene Vorgang in einer “logischen Sekunde” geschah. Soweit die verschiedenen Schritte in der Realität zeitlich aufeinander folgend ablaufen, kann der Vorgang sich nicht so unabhängig von der Zentralbank wie beschrieben vollziehen. Hinzu kommt auch das Erfordernis, wegen unvorhersehbarer (Bar-) Geldabflüsse Liquiditätsreserven sowie die vorgeschriebene Mindestreserve zu halten. Die Bank wird sich allerdings v.a. im Wege von Clearingprozessen zu einem beträchtlichen Teil tatsächlich zeitgleich refinanzieren können. Sofern dies unsicher oder unmöglich ist, müssen die entsprechenden Finanzierungsmittel (bereit gestellt durch andere Banken, Unternehmen oder durch private Sparer) schon vor der Kreditvergabe für die Kredit gebende Bank zur Verfügung stehen. Doch selbst im oben dargestellten Fall der zeitgleichen Refinanzierung müssen schon realwirtschaftliche Ersparnisse VOR der Kreditvorgabe existieren. Diese realwirtschaftliche Perspektive wird nachfolgend illustriert.

 

Die realwirtschaftliche Seite

Die meisten Betrachtungen über die Geldschöpfungsvorgänge enden nach dem oben dargestellten ersten Schritt. Dabei wird es nun eigentlich erst interessant. Was ist nämlich realwirtschaftlich passiert? Robinson hat von Freitag einen Speer gekauft. Dieses Kapitalgut wurde bereits vorher von Freitag hergestellt – es stellte eine realwirtschaftliche Ersparnis (durch Freitag) dar. Diese wird nun mittels Kreditfinanzierung durch Robinson in Anspruch genommen. Realwirtschaftlich muss bei einer Kreditbeziehung also auf schon vorhandene Vermögenswerte zurückgegriffen werden; eine „Kreditvergabe aus dem Nichts“ wäre unsinnig, wenn es nichts gäbe, was man für diesen Kredit kaufen könnte. Es fand also durchaus eine Ersparnisbildung statt – nämlich vorliegend durch Freitag, der den Speer (Kapitalgut) herstellte, aber vor dem Deal mit Robinson nichts mit dessen A-Bank zu tun hatte (die Hausbank von Freitag ist die B-Bank). Die Eingangsbilanz des Robinson sieht nach Kauf des Speers via Kreditaufnahme folgendermaßen aus:

Robinson: Eingangsbilanz (1.1.)
Aktiva Passiva
1.000 GE Speer Verbindlichkeit A-Bank 1.000 GE
 Eigenkapital  0 GE

Nehmen wir nun an, Robinson jagt mit dem Speer Eichhörnchen. Die Viecher sind schnell, und viele Würfe treffen daneben, nämlich auf Steine und Felsen. Durch das Jagen nutzt sich während der Periode also der Speer ab. Am Anfang der Periode war er noch 1.000 GE wert, am Ende nichts mehr. Die gemeuchelten Eichhörnchen wiederum verkauft Robinson gesalzen und gepökelt an Freitag; die Erlöse i.H.v. 1.000 werden in einem Betrag am Ende der Periode von Freitag an Robinson gezahlt. In der stilisierten Schlussbilanz Robinsons wird der Vorgang wie folgt abgebildet:

Robinson: Schlussbbilanz (31.12.)

Aktiva

Passiva

0 GE Anfangsbest.1.1. AB Verbindlichkeiten 1.1.

0 GE

1.000 GE Anschaffung Speer Verbindlichkeit A-Bank

1.000 GE

./. 1.000 GE ./. Abschreibungen Tilgung aus Abschreibungen

./. 1.000 GE

0 GE Endbestand 31.12. EB Verbindlichkeiten 31.12.

0 GE

AB Eigenkapital 1.1.GuV-Konto:Erlöse:                     1.000 GEAbschreib.:      ./. 1.000 GEGewinn:                         0 GE  0 GE
EB Eigenkapital 31.12.

0 GE

Die Struktur der Bilanz wurde geändert, um die Korrespondenz zwischen Abschreibungen und Kredittilgungen deutlich zu machen: Denn während der Periode wird aus dem Gegenwert der Abschreibungen der laufende Kredit des Robinson getilgt.

Die A-Bank hat daher am 31.12. weder einen ausstehenden Kredit gegenüber Robinson gebucht, noch hat sie Verbindlichkeiten gegenüber der B-Bank, da sie aus den zufließenden Geldmitteln die Verbindlichkeit gegenüber der B-Bank begleicht. Zumal die Zahlung für die Eichhörnchen an Robinson durch Freitag ebenfalls via Überweisung vorgenommen wurde, ist zum Periodenende auch dessen Konto leer geräumt. Die Schlussbilanzen der A-Bank und der B-Bank sehen dann stilisiert folgendermaßen aus:

Schlussbilanz A-Bank
Aktiva Passiva
0 GE Kredit an Robinson Sichtguthaben Robinson 0 GE
Verbindlichkeit ggü. B-Bank 0 GE
Schlussbilanz B-Bank
Aktiva Passiva
0 GE Kredit an A-Bank Sichtguthaben Freitag 0 GE

Fazit: Die Existenz des geschöpften Geldes währte so lange, wie das Kapitalgut abgeschrieben wurde und aus den Abschreibungen die Kredittilgung erfolgte. Im vorliegenden Beispiel war dies aus didaktischen Gründen nur eine Periode. Und in der Realität ist die Übereinstimmung zwischen Abschreibungs- und Kredittilgungsdauer natürlich nicht perfekt. In der Summe hält sie aber. Die angestellte Betrachtung zeigt, dass sich durch die Geldschöpfung der Banken die geldwirtschaftliche Seite nicht von der realwirtschaftlichen Seite lösen kann. Wo zusätzliches Geld geschöpft wurde, gab es auch zusätzliche (Kapital-) Güter. Mit dem Verschwinden der Letzteren verschwindet auch das geschöpfte Geld.

 

Störfaktor: Nicht abnutzbare Vermögenswerte

Anders sieht es freilich aus, wenn nicht abnutzbare Wirtschaftsgüter über Kredite finanziert werden. Klassischerweise sind dies Grund und Boden sowie Beteiligungen. Im Buch „Prinzip Rentenökonomie: Wenn Eigentum zu Diebstahl wird“ […] habe ich dargestellt, dass auch Beteiligungen an Unternehmen als „indirekte Investitionen“ in Land (als Genusbegriff) verstanden werden können. Wichtig sind nun folgende Aspekte:

  • Versteht man unter „Sparen“ im volkswirtschaftlichen Sinne den realwirtschaftlichen Aufbau von Vermögenswerten zum Zweck des späteren Gebrauchs / Verbrauchs, so kann man in Land nicht sparen. Man kann lediglich den Wert von Land „aufblasen“- mit dem Risiko, dass diese Blase irgendwann einmal platzt. Ähnliches gilt für Beteiligungen an Unternehmen.
  • Genauso wenig kann man aus den Abschreibungen auf Land Kredittilgungen vornehmen – hier gibt es nämlich keine Normalabschreibungen. Für Unternehmensbeteiligungen gilt Entsprechendes.
  • Zinsen könnten allerdings aus Land gezahlt werden, nämlich aus den Bodenrenten. Oftmals wird übersehen, dass über Kreditzinsen de facto Renten an die Kreditgeber weitergeleitet werden.

Wenn also Robinson von Freitag keinen Speer, sondern eine Parzelle kauft, kann der im vorangehenden Abschnitt beschriebene Mechanismus nicht funktionieren. Das Bankensystem kann zwar Geld schöpfen;  dieses geschöpfte Geld kann aber nicht zurückgeführt werden. Vielmehr erhöht sich einerseits die umlaufende Geldmenge, und spiegelbildlich werden die nicht abschreibungsfähigen, rententragenden Assets aufgeblasen. Die Kreditaufnahme erfolgt nicht zum Zwecke der Verfügung über realwirtschaftliche Ersparnisse; insoweit sind auch keine neuen Güter und Dienstleistungen entstanden.  In der Fisherschen Verkehrsgleichung zeigt sich die Inflationierung der Finanzstratosphäre in einer Abnahme der Umlaufgeschwindigkeit der jeweiligen Geldmengenaggregate – wie wir sie ja auch tatsächlich im säkularen Trend beobachten können.

Eine „Bereinigung“ via Geldvernichtung (incl. Vernichtung der entsprechenden Forderungen im Bankensystem) findet erst dann statt, wenn die Blase eines schönen Tages platzt. Die „Geldvernichtung“ erfolgt dann aber nicht in kontrollierten Bahnen (wie bei abnutzbaren Kapitalgütern), sondern eben im Rahmen einer Krise.

Fazit: Heikel wird es für die Wirtschaft insbesondere bei kreditfinanzierten Immobilenbooms. Dabei muss man sich vor Augen halten, dass sowohl die räumlichen Preisunterschiede (z.B. zwischen einem Haus desselben Typs in Mecklenburg-Vorpommern und München) als auch die zeitlichen Preisunterschiede (z.B. die Immobilienpreisentwicklung in Mecklenburg-Vorpommern und München im Laufe der Zeit) zu einem erheblichen Teil auf die Boden- und nicht die Gebäudekomponente zurückzuführen sind (auch dies haben wir in diesem Blog immer wieder beschrieben). Für Beteiligungen an Unternehmen gilt Entsprechendes, weswegen Formen wie kreditfinanzierte „Management Buy Outs“ u. dgl. aus volkswirtschaftlicher Perspektive grundsätzlich kritisch zu beurteilen sind.

 

Anmerkungen zum Schluss

Aus den Ausführungen sollte hervorgegangen sein, dass Kreditvergaben und Investitionen ohne vorherige (realwirtschaftliche) Ersparnisse nicht möglich sind (allerdings muss die Ersparnisbildung nicht unbedingt immer einen unmittelbaren Bezug zur kreditgebenden Bank aufweisen). Die Kreislaufbetrachtung der Wirtschaft ist somit nicht obsolet.

Der Text wollte auch darstellen, dass ein wesentliches Problem nicht die Geldschöpfungsfähigkeit der Geschäftsbanken an sich ist. Das Problem liegt vielmehr darin, dass rententragende, nicht abnutzbare Vermögenswerte (v.a. Grund und Boden sowie Unternehmensanteile) von den ausgegebenen Krediten gekauft werden können. Dies führt zu immer größeren Geldmengen, denen keine Güter und Dienstleistungen gegenüberstehen, und die nicht wieder vernichtet werden können. Die Folge ist eine Assetpreisinflation.

Die sauberste Lösung wäre die Dekapitalisierung von Land über eine Bodenwertsteuer oder eine Erbbaurechtslösung, über die in diesem Blog immer wieder diskutiert wurde (ergänzend wäre u.a. auch das Urheber- und Patentrecht zu ändern, das ein Abklatsch der Eigentumsrechte an Grund und Boden darstellt). Ist Land in privater Hand wertlos, erfolgt auch keine Kreditfinanzierung desselben. Eine drittbeste Lösung (weil sie die eigentlichen Probleme ebenfalls nicht auf die Hörner nimmt) wäre eine Regulierung dahingehend, dass Kreditvergaben zum Zwecke des Kaufs von Grund und Boden sowie Unternehmensbeteiligungen möglichst unterbunden werden.  In eine solche Richtung ging z.B. die in den letzten Jahren durchgeführte Politik der VR China – in Gestalt von Restriktionen bei Krediten zum Kauf von Immobilien. Schließlich sind Vollgeld und 100%-Money leider nur Scheinlösungen, da sie das hier dargestellte Schlüsselproblem nicht grundsätzlich angehen.

Weil ich den vernachlässigten Aspekt der rententragenden Assets hervorheben wollte, habe ich in diesem Beitrag bewusst das Problem der Verzinsung von Einlagen und Krediten in den Hintergrund gestellt, die ebenfalls Schieflagen in das Finanzsystem tragen kann.

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40 thoughts on “Geldschöpfung und kein Ende: Robinson und die Eichhörnchen”

  1. Hallo Herr Löhr,

    jetzt haben Sie das mit dem Kredit so schön dargestellt mit allen Buchungen usw.!

    Warum haben Sie das mit einem Grundstück oder einem Firmenanteil für die Ungläubigen nicht auch gleich so schön gemacht?

    lg

    Ralf Hesse

    1. Ist es für die Aussagekraft des Modells wirklich nötig, dass das Kapitalgut (Investitionsgut) Speer nach Ende der Tilgung wertlos, also “verschwunden” ist, so wie das geschöpfte Geld nach Tilgung des Kredits? (Zitat: “in der Realität ist die Übereinstimmung zwischen Abschreibungs- und Kredittilgungsdauer natürlich nicht perfekt. In der Summe hält sie aber.”) Dann wäre doch eine Sachvermögensbildung in einer Gesellschaft nicht möglich! Aber sowohl bei Robinson als auch bei Freitag können nach Ende der finanziellen Transaktionen und der Eigentumswechsel von Speer und erlegten Eichhörnchen langlebige Güter entstanden sein: Robinson kann die Speerspitze erneuern und Freitag kann aus dem Fell der Tierchen einen wärmenden Mantel machen. Allerdings sind beide Gegenstände nicht rententragend, aber der Wohlstand der ganzen Gesellschaft ist gewachsen. Dass der Kauf von Land auf Kredit eine ganz andere Rolle spielt, bleibt davon unberührt!

      1. Die Übereinstimmung ist sogar wichtig. Beim Einsatz von Fremdkapital sind die Abschreibungen ja keine (Vorweg-) Ersparnis, sondern dienen der Kredittilgung. Im Übrigen geht es dabei nur um die wirtschaftliche Nutzungsdauer, nicht um die technische.

      2. ooh – ich hatte gar nicht mit einer Antwort gerechnet! Dankesehr! Aber jetzt meine Antwort auf rentgrabbing (unten): Ich verstehe: die “wirtschaftliche” Parallelität bewirkt, dass im Preis eines Produkts aus abgeschriebenem, aber noch nutzbarem (ehemaligen!) “Kapital”-Gut kein Abschreibungsanteil mehr ist, sondern nur noch 1) Arbeitskosten und 2) Rentenanteile. Klar, dazu braucht es funktionierende Konkurrenz usw. Und es ist eine Summenbetrachtung! Und die Sachvermögen (nicht Land!), die die “Abschreibungsdauer” technisch überleben, dienen wirklich einem wachsenden Wohlstand, s.o.

      3. Und noch eine Frage im Nachgang zu meinem gestrigen Kommentar:
        Wenn aus der Abschreibung die Kredittilgung finanziert wird, woraus wird denn dann die Ersatz-Investition finanziert? Die Rolle von Kredittilgung und Ersatzinvestition ist natürlich auch vertauschbar! In einem Zeitraum kann die Abschreibung (in den Produktpreisen einkalkuliert) doch nur für eines von beiden reichen!

      4. Hallo, in dieser Situation wurde die Ausgangsinvestition über einen Kredit finanziert. Die Abschreibung finanziert die Tilgung. Am Ende sind sowohl Vermögenswert abgeschrieben als auch Kredit getilgt. Dann kann ein neuer Kredit zur Finanzierung der Ersatzinvestition aufgenommen werden.

      5. Das bekomme ich nicht in Einklang mit der Aussage: Ersatzinvestition E Abschreibung D (Tab.19 Plünderung d. Erde 2008 S.276).

      6. Zuerst ist das – im Gegensatz zu Robinson und den Eichhörnchen – eine makroökonomische Betrachtung, in der Forderungen (Kredite) und Schulden konsolidiert sind. Sie sagt nichts darüber aus, wieviel Eigen- und Fremdmittel hier im Spiel sind.
        Einzelwirtschaftlich gilt aber: Wenn ich die Maschine über Eigenmittel bezahle, werden mir über die Abschreibungen die Eigenmittel wieder zurückgezahlt (ich kann dann neu investieren). Wenn ich sie über Fremdmittel bezahle, werden die Fremdmittel wieder zurückbezahlt (ich kann dann wieder einen neuen Kredit aufnehmen). Allerdings – das habe ich einige Male anhand von Daten gezeigt – dominiert aber die Fremdfinanzierung von Investitionen.

      7. Dankesehr für das geduldige und schnelle Eingehen auf meine Fragen!
        Ich verstehe also: Auch makroökonomisch werden Investitionen überwiegend mit Fremdmitteln finanziert. Wenn einzelwirtschaftlich aus der Abschreibung getilgt wird und die Parallelität von Tilgung und Abschreibung „in Summe hält“, heißt das gesamtwirtschaftlich: Für einen (wertmäßig) konstanten Kapitalstock sind laufend Investitionen erforderlich, für die in Höhe der geleisteten Tilgungen, also in Höhe der vorherigen Abschreibungen, erneut Kredite aufgenommen werden. Diese Investitionen ersetzen die abgeschriebenen Kapitalgüter. So gilt gesamtwirtschaftlich: Die Gesamt-Verschuldung bleibt konstant ebenso wie der Gesamt-Kapitalstock, und die gesamtwirtschaftliche Ersatzinvestition wird aus der Abschreibung finanziert, obwohl oder eher sogar weil einzelwirtschaftlich aus der Abschreibung getilgt wird (und eben nicht die betriebliche Ersatzinvestition finanziert wird!).
        Meine Denkschwierigkeit rührte wohl aus der unausgesprochenen Annahme, Unternehmen könnten schuldenfrei den Kapitalstock erhalten! Das mag mal für ein Einzelunternehmen zutreffen, aber in Summe ist es weder möglich noch wünschenswert!

  2. Hallo Herr Hesse,
    die Eingangsbuchungen (also wie das Geld geschöpft wird) sind ja prinzipiell dieselben wie dargestellt, nur dass da eben “Land” steht. Und dann geht es nicht mehr zurück – die “kontrollierte Geldvernichtung” findet nicht statt.
    Beste Grüße, D. Löhr

    1. Das verstehe ich nicht. Die Kreditrückzahlung ist doch vollkommen unabhängig von der hinterlegten Sicherheit? Was hat die Abschreibung mit der Tilgung zu tun?
      Wenn der Kreditnehmer ein Stück Land erwirbt, was gleichzeitig als Sicherheit fungiert, dann kann er aus dem, was der Boden hergibt, seine Tilgungen bestreiten. Geld und Kredit sind irgendwann weg, der bestellte Acker bleibt.

      1. Ein interessanter Punkt! Was sagt Herr Löhr dazu? Landkreditiert kann durch Bodenrente getilgt werden, Kapitalgüterkredit durch Unternehmergewinn, Monopolrente etc. Land wird nicht abgeschrieben und ist kaum reproduzierbar, deshalb eignet es sich zur Spekulation (besonders auf Kredit), das ist klar. Aber die Kreditmenge wächst auch durch Kapitalgüter- und Konsumkredite?

  3. Ach ja – und noch etwas,

    ich denke man sollte hier etwas “deutlicher” auftreten, z.B. mit Titeln wie:

    Die Mär der willkürlichen Geldschöpfung der Geschäftsbanken Wider das verwirrte Denken impulsiver Spontis Eine Streitschrift!

    Beste Grüße

    Ralf Hesse

  4. Hallo Herr Löhr,

    das hieße dann im Umkehrschluss, dass die aufgetürmten Schuldenberge zum Teil noch auf Abschreibung (und somit Tilgung) warten, aber wegen des exponentiellen Wachstums dieser Berge doch eher von einer Aufblähung im Bereich Immobilien und Beteiligungen auszugehen ist. Da ist sicher was dran und Ihre Vorschläge für Gegenmaßnahmen begrüße ich.

    Doch was ist mit den Staatsanleihen, die doch wohl Hauptgrund für den Anstieg der Vermögen und Schulden sind? Da würde man sich ja sogar freuen, wenn diese Schulden für die Verstaatlichung von Grund und Boden genutzt worden wären! Leider dienten sie aber großenteils zur zinsbedingten Vermögenssteigerung einer reichen Minderheit (die damit dann Grundstücke und Beteiligungen kaufen konnte) – während die Staaten heute ihr Tafelsilber verscherbeln müssen und es nicht schaffen, die Reichen richtig zu besteuern.

    1. Hallo,
      zu den Staatsanleihen: Die werden durch das Zins- und Zinseszinsproblem sicher immer weiter aufgetürmt. M.E. ist das aber ein – wenngleich schwerwiegendes – Folgeproblem. Die eigentliche Ursache liegt im strukturellen Finanzierungsdefizit, das dem Steuerstaat Eigen ist. Nicht nur wegen Geldverschwendung durch die Administration einerseits und Steuervermeidung durch den Steuerbürger andererseits, sondern v.a. durch den ATCOR- und EBCOR-Effekt (den ich auch wiederholt beschrieben habe). Der Steuerstaat ist die Kehrseite der Rentenökonomie.

  5. Ein interessanter Aspekt, den Sie da aufgezeigt haben.
    Bei der “Geldschöpfung aus dem Nichts” ist die Begriffsverwirrung riesig. Jede/r versteht etwas anderes darunter, beharrt aber auf der eigenen Sichtweise. Der Abgleich der Gesprächspartner findet kaum mehr statt, von daher vielen Dank, dass Sie den Ball aufgenommen haben.
    Von technischer Seite her stellt es lediglich auf den Sachverhalt ab, dass bei Kreditvergabe Guthaben in der Bank geschaffen werden, die vorher nicht existiert haben.
    Dass man der Bank dabei Zugriff auf (vorhandene) Sicherheiten einräumen muss, wird gern vergessen oder ignoriert. Dabei ist das Grundvoraussetzung. Ohne gesichertes Einkommen oder Zugriff auf pfändbares Eigentum/Einkommen, gibt es keine Kredite.

    “Realwirtschaftlich muss bei einer Kreditbeziehung also auf schon vorhandene Vermögenswerte zurückgegriffen werden”
    An dieser Formulierung regt sich ein wenig Widerstand in mir. Nehmen wir als Beispiel einen finanzierten Hausbau. Am Anfang stehen da lediglich Grundstück und Rohstoffe, erst durch die Arbeitsleistung werden letztere zu einem fertigen Haus “veredelt”. Es findet kreditfinanzierte Wertschöpfung statt – das, was man unter VORfinanzierung versteht. Aus meiner Sicht der eigentliche Sinn und Zweck von Krediten.
    Vielleicht missverstehe ich den Satz auch nur.

    1. Kreditfinanzierte Wertschöpfung: Es muss auf schon gebildete Werte (Kapitalgüter) zurückgegriffen werden – das ist Ersparnis. Sicherheiten: Es reicht aus, dass die Bank das besichert bekommt, was sie finanziert: Das sollte das durch Kredit gebildete Kapital sein, und eben nicht Land. Ein Beispiel aus Kambodscha, einem hoch dollarisierten Land (ich war dort als Consultant für die GTZ / GIZ im Landbereich tätig). Ich sprach u.a. mit einem der Direktoren der größten Bank (Canadia Bank) dort. Es ging um Sicherheiten. Man vergab Kredite um 2008 herum nicht mehr an produktiv tätige Unternehmer, sondern bewusst bevorzugt an Grundstücksspekulanten, weil diese entsprechende Sicherheiten vorzuweisen hatten, die pro Jahr 20 bis 60 % an Wert gewannen. Hinter vorgehaltener Hand sagte er mir: “Und wir hofften, dass sie ihre Kredite NICHT zurückzahlen können, damit wir diese Sicherheiten übernehmen können.” Das Resultat war eine gigantische Fehlallokation zum Schaden des Landes. Einen ähnlichen Mechanismus kennt man aus der Immobilien-Krise 2008/2009 in den USA, oder aus der nahezu gleichzeitigen Immobilienkrise in Spanien. Diese “Sicherheiten-Ideologie” sollte eigentlich ausgedient haben – u.a. hat Hans Scharpf sie wunderbar entlarvt. Land als Sicherheit hält Banken davon ab, sich wirklich mit ihren Schuldnern zu beschäftigen. Statt dessen werden sie Bestandteil der Spekulations-Machinerie. Ich bezweifle sehr, dass Heinsohn und Steiger hier auf dem richtigen Weg waren.
      BG D. Löhr

  6. Ich sehe den Artikel kritisch, weil er die Begriffe nicht exakt definiert. Manche Leser werden verwirrt sein und nicht wissen, um welches Geld Sie schreiben.

    Manche Befürworter der “Geldschöpfung aus dem Nichts” – Theorie meinen, es würde bei der Kreditvergabe neues Zentralbank-Geld (M0) geschaffen werden. Dieser Meinung sind Sie nicht, das kann nicht sein.

    Was auch verwirrt, ist, dass Sie nicht das “clearing” der Geschäftsbanken bei der Zentralbank erwähnen. Ohne Zentralbankgeld ist keine Kreditgewährung möglich: Wenn der Kreditnehmer sich den Kredit bar ausbezahlen lässt, braucht die Geschäftsbank Zentralbankgeld, sprich Bargeld. Das ist unbestritten. Wenn der Kreditnehmer das Guthaben an eine andere Bank überweist (sprich wenn er was kauft), wie Sie es darstellen, dann braucht die Geschäftsbank auch Zentralbankgeld, aber auf ihrem Zentralbank-Konto. Der Betrag wird der Bank gutgeschrieben, die das Geld überwiesen bekommt. Die Zentralbank rechnet die verschiedenen Überweisungen der Banken untereinander ab “clearing”.

    Daher ist es auch unmöglich, dass eine Geschäftsbank einen Kredit vergibt, ohne über ein entsprechendes M0-Guthaben zu verfügen. Diese Guthaben kommen von Bankeinlagen von Sparern. Wie entstehen sie? Sparer zahlen Bargeld ein oder überweisen von einer anderen Bank Geld auf ihr Konto (siehe clearing).

    1. Verstehen Sie den Sinn von clearing? Es dient zum Saldenausgleich. Wo kein Saldo am Ende stehen bleibt, da es gegenläufige Zahlungen gibt, wird auch kein Zentralbankgeld benötigt. Den Barauszahlungswunsch können Sie für die Kreditgewährung auch in den Skat drücken, die spielt da schlicht und ergreifend (noch) keine Rolle.
      “Geldschöpfung aus dem Nichts” spielt rein auf den Sachverhalt ab, dass bei Kreditvergabe neues Guthaben entsteht, was vorher noch nicht existiert hat.
      Können Sie den Umbuchungsvorgang aufzeigen, wo die Bank in ihren Büchern bei Kreditvergabe Einlagen von Sparern für ein Kreditkonto umbucht oder anderweitig reserviert? Das ist nicht der Fall. Es sind immer! neue Guthaben entstanden. Und das wichtige noch dazu, was nicht vergessen werden darf: diese Guthaben verschwinden bei Kredittilgung wieder “ins Nichts”. Das wird meistens unterschlagen, wenn mal wieder Stimmung gegen die “angebliche Geldschöpfung” gemacht wird.

      Im Kern sind es Begrifflichkeiten, die nicht klar definiert sind, aus denen Missverständnisse entstehen.

      “Daher ist es auch unmöglich, dass eine Geschäftsbank einen Kredit vergibt, ohne über ein entsprechendes M0-Guthaben zu verfügen.”
      Genau das ist grundfalsch, da Sie Kreditgewährung und Abfluss von Geld miteinander vermischen. Das sind aber zwei getrennte Paar Schuhe! Eine etablierte Bank braucht eben nicht auf die M0-Reserven zu schauen, die füllt sie bei Abfluss des Kreditbetrages entweder von anderen Banken oder der Zentralbank im Nachgang auf.

      Wenn das noch nicht reicht, es ist sogar in einer empirischen Studie belegt, die den Kreditvergabeprozess im Inneren einer Bank durchleuchtet: http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1057521914001070

      1. Hallo, ich bin kein Sonderschüler und verstehe den Sinn von Clearing. Und verstehen Sie bitte, dass ich das Beispiel bewusst so aufgezogen habe, dass das hier keine Rolle spielt.

      2. Ich muss ein wenig zurückrudern: Die von Ihnen angeführten Clearingprozesse können insoweit eine Rolle spielen, als die von mir kritisierte Gleichzeitigkeit in den Beispielen (das geschaffene Guthaben fließt ab, gleichzeitig erfolgt die Refinanzierung) doch praktisch erfolgen kann … Das ändert aber im Grundsatz nichts an der Argumentation.

      3. Ok, ich gehe davon aus, dass “Friedensblick” gemeint ist – wir liegen ja gar nicht weit auseinander, wenn ich Ihre Ausführungen richtig verstanden habe.

      4. Mir ist ihr Punkt tatsächlich nicht klar: Weil es “clearing” gibt, ist die “Geldschöpfung aus dem Nichts” bewiesen?

        Das Saldieren funktioniert doch nur, weil vor der Kreditvergabe Zentralbankgeld auf das Konto der Geschäftsbanken floss. Wie floss das Zentralbankgeld auf das Konto? Weil es eine Einlage von einem Sparer erhielt!
        Ja, das benötigte Zentralbankgeld kann sich die Geschäftsbank auch durch einen Kredit bei der Zentralbank oder einen anderen Geschäftsbank “im Nachgang” beschaffen. Sie schreiben, dass die Geschäftsbank die M0-Reserven “bei Abfluss des Kreditbetrages entweder von anderen Banken oder der Zentralbank im Nachgang” auffüllt! Das heißt aber nicht, dass neues Zentralbankgeld geschaffen wurde, sondern dass eine andere Bank weniger Kredite vergeben kann, oder dass die Zentralbank die M0-Geldmenge ausweitet! Das unterstreicht die Position, dass es keine “Geldschöpfung aus dem Nichts” gibt: Ihre Aussage stimmt nicht, “dass bei Kreditvergabe neues Guthaben entsteht, was vorher noch nicht existiert hat.”

        Die Buchungen bei der Kreditvergabe hat Prof. Löhr gut aufgezeigt: “Die Befürworter der These der Geldschöpfung aus dem Nichts stützen ihre Argumente mit Buchungstechnik:
        Vergibt eine Bank einen Kredit, bucht sie ja „Kredit (also Aktivseite) an Sichtguthaben (also Passivseite)“. Diese Argumentation blendet allerdings die vor- und nachgelagerten Buchungen aus. (…) Die Behauptung der „Geldschöpfung aus dem Nichts“ ist also weder vor dem realwirtschaftlichen noch vor dem buchungstechnischen Hintergrund
        überzeugend.”
        http://www.sozialoekonomie-online.de/ZfSO-168-169_Lohr.pdf

      5. Lieber Herr Lehle,

        ich gebe mir Mühe, die Widersprüche weiter aufzuzeigen, damit diese gemeinsam ausgeräumt werden können.
        “Wie floss das Zentralbankgeld auf das Konto? Weil es eine Einlage von einem Sparer erhielt!”
        Soweit die “loanable funds”-Theorie (erst durch eingezahltes Bargeld entstünde Guthaben und Zentralbankgeld, welches dann wieder ausgeliehen werden könne), die nicht nur in der Studie weiter oben widerlegt wird. Auf die Frage, wo der Einzahler das Bargeld her hat, gibt es nur eine Antwort – er hat es von einem Konto abgehoben. Wie der Betrag dorthin gekommen ist? Na den hat jemand vorher eingezahlt. Usw. usf. Damit hängt man in einer Endlosschleife, einem logischen Kurzschluss, woraus keine Erklärung und ebenfalls keine Ursache für eine steigende Zentralbank-Geldmenge hergeleitet werden kann. An dieser Stelle wird auch die Multiplikator-Theorie in Frage gestellt, dieser will zwar das Ansteigen der Guthaben aus der “Basis” Zentralbankgeld erklären, gibt aber auch keine Antwort, wie denn nun Zentralbankgeld vermehrt wird. Nach welchen Gesichtspunkten geht die Zentralbank da vor?

        Sie widersprechen sich weiter im Text selbst:
        “Das heißt aber nicht, dass neues Zentralbankgeld geschaffen wurde, sondern dass eine andere Bank weniger Kredite vergeben kann, oder dass die Zentralbank die M0-Geldmenge ausweitet!”
        Ja, was denn nun? Genau das ist ein Knackpunkt. Entweder die Bank kann über den Interbankenmarkt frisches (ZB-)Geld auftreiben, in diesem Fall bleibt bei sonst konstantem Gesamt-Kreditvolumen (unrealistische Annahme, da auch wieder Guthaben durch Tilgungen “verschwindet” – wird an dieser Stelle aber ausgeklammert) logischerweise irgendwo anders eine Unterdeckung – und die kann nur durch die Zentralbank wieder aufgefüllt werden – durch Ausweitung von M0. Wie sonst soll M0 insgesamt ansteigen?

        Damit ist der Wirkmechanismus transparent: steigende aggregierte Kreditvergabe im Bankensektor führt zu Unterdeckung bei einzelnen Banken an Zentralbankgeld (durch Reservehaltung und stärker fluktuierenden Saldenausgleich), was die Geschäftsbanken veranlasst, zusätzliches Zentralbankgeld bei der ZB zu beantragen. Das macht sie natürlich nur gegen zentralbankfähige Sicherheiten. Aber auch dieses Geld hat vorher nicht existiert.
        Der Zins ist im Gegensatz dazu lediglich ein Umverteilungsmechanismus. Einzelne Großsparer vermehren ihre Vermögen überproportional, die Kreditnehmer bezahlen dies über Kreditzinsen. Ein Gesamt!wachstum der Geldmenge kann hierdurch nicht abgeleitet werden. Das funktioniert nur über Kreditausweitung. Und dafür braucht es stetig weitere solvente und willige Neuschuldner.
        BG,
        Marco Schmidt

  7. Entschuldigen Sie bitte, wenn ich die Wortwahl im Eifer des Gefechts überspitzt habe. Ich hatte zudem gar nicht Sie, sondern Friedensblick angesprochen (macht die Sache nicht besser). Er hat Ihr Beispiel ohne Clearing kritisiert, darauf habe ich Bezug genommen. Es war auch meine Auffassung, dass Sie es bewusst ausgeklammert haben.
    Sie sehen, wie schnell Missverständnisse entstehen können…

    Nochmal: wenn man den Akt der Kreditgewährung (Gutschrift auf dem Konto) mit dem Abfluss von Guthaben in einen Topf wirft und verrührt, wird es schwer bis unmöglich, eine unmissverständliche Klärung herbeizuführen. Hier noch ein Verweis auf Norbert Häring, der direkten Bezug zur oben verlinkten Studie nimmt: http://norberthaering.de/de/27-german/news/377-geld-aus-dem-nichts#weiterlesen
    (v.a. der letzte Unterabschnitt)

  8. Ausgezeichneter Artikel, vielen Dank Herr Löhr!

    Einige Gedanken dazu:

    1) “Oftmals wird übersehen, dass über Kreditzinsen de facto Renten an die Kreditgeber weitergeleitet werden.” => Schumpeter hat 1912 in “Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung” argumentiert, dass sich der Produktivzins aus dem Unternehmergewinn speist, und nur daraus. Nun ist aber Schumpeters Unternehmergewinn letztlich ein anderes Wort für eine temporäre Monopol- oder Bodenrente (bis die Konkurrenz aufschliesst). Daraus würde folgen, dass der Produktivzins rein aus Renten bzw. dem Rentenzuwachs entsteht. Daraus folgt auch, wie Schumpeter argumentiert hat: Kein Wirtschaftswachstum, kein Produktivzins. Sehen Sie das auch so?

    2) Ludwig Mises unterscheidet in seiner “Theorie des Geldes und der Umflaufsmittel” von 1912 (Ueberarbeitung 1924) zwischen Geld und Umlaufsmitteln, und zwischen Sach- und Zirkularkrediten, um die Wirkungen einer Ausweitung der Geld- und Kreditmengen zu analysieren. In Ihrem Speer-Eichhörnchen Beispiel kann der Kredit über die Abschreibungen und diese durch Wachstum und Konsum finanziert werden, das ist wunderbar. Die Kritik von Mises geht aber dahin, dass eine “übermässige” Kreditausweitung das Risiko von “Fehlinvestitionen” erhöht, für die letztlich eben keine Nachfrage da ist. Die Kredite können dann nicht zurückbezahlt werden, die Kreditmengenausweitung endet im Crash – obwohl in Kapitalgüter investiert wurde, nicht in rententragende Assets. (Zudem führt die Ausweitung der Geld- und Kreditmengen tendenziell zur Preisinflation und Währungsabwertung.) Wie schätzen Sie dies ein?

    3) Oben wurde noch die Erfordernis von Zentralbankgeld für die Kreditvergabe diskutiert. Müsste dabei aber nicht der Mindestreservesatz berücksichtigt werden, der in der EU meist nur ein bis drei Prozent beträgt und damit die Kreditvergabe/Sichteinlagen kaum einschränkt? Die Limitierung findet in der Praxis doch eher über die Eigenkapitalquote statt, die die Banken freilich mit allerlei Mitteln zu umgehen versuchen. Die im Notfall de facto beliebige Refinanzierung durch Zentralbankengeld erleichtert die Kreditausweitung zusätzlich.

    4) Zum Zeitpunkt der Schaffung des Kredites befindet sich die Kapitalgüterproduktion noch auf dem Niveau von vor der Schaffung dieses Kredites. Wie können da dem neu geschaffenen Kredit bereits neu geschaffene Kapitalgüter entsprechen?

    1. Guten Tag,
      das sind natürlich z.T. Glaubenssätze, die Sie da ansprechen. Ich bin da nach wie vor eher Gesell und Keynes verbunden, was die Erklärung des Zinses angeht. Ich sehe und akzeptiere grs. die Schumpetersche Argumentation in ihrem ersten Teil, aber umgekehrt gibt es – von kurzen historischen Ausnahmen (z.Zt. haben wir wieder eine solche) eigentlich nur positive Nominalzinsen am langen Ende. Das erklärt sich daraus, dass man Geld auch als (universelle) Option betrachten kann und den Zins als Optionsprämie – in einer unsicheren Welt muss der dann positiv sein und der Vermehrung des Sachvermögens irgendwann deutlich vor der Nullmarke eine Grenze setzen.
      Zu Ludwig von Mises: Es gibt immer einen bestimmten Anteil von Realinvestitionen, der floppt. Als Resultat einer Kreditausweitung kann ich mir daher durchaus vorstellen, dass der Absolutbetrag floppender Realinvestitionen zunimmt. Nicht aber unbedingt deren Anteil – da müsste man über die Begleitumstände näher sprechen.
      Zum Einwand mit der EK-Quote: Sie haben meine volle Zustimmung. Ich habe die Darstellung im Geiste angelehnt an die Multiplikatormodelle getroffen. Hinsichtlich der Praxis haben Sie natürlich Recht.
      Zum letzten Punkt: In dem beschriebenen Fall betrug die realwirtschaftliche Ersparnis 1.000, und die Kreditvergabe ebenfalls 1.000. Ich sehe da erst einmal kein Problem. Das taucht auf, wenn man noch den Zins einbringt, was ich aus didaktischen Gründen unterlassen habe.

      Im Übrigen: Ich bin wegen der o.a. Zinsfrage kein so großer Freund der österreichischen Schule, konnte mich aber durchaus mit der einen oder anderen Perspektive anfreunden. Ich war immer der Meinung, dass zum Bodenteil von Henry Georges “Fortschritt und Armut” eigentlich der Geldteil von Silvio Gesell ganz gut passt.

      Beste Grüße
      D. Löhr

      1. Danke für die Rückmeldung.

        Schumpeter würde die “Glaubenssätze” natürlich “unanalysierte Tatsachen” nennen 🙂 Die Frage ist zum Beispiel, was in einer “unsicheren Welt” eigenlich unsicher ist — das Wirtschaftswachstum vielleicht? 🙂 Notlagen und dergleichen hatte Schumpeter als Sonderfälle ausgenommen, die auch in einer vorindustriellen Kreislaufwirtschaft einen Konsumtivkredit-Zins rechtfertigen.

        Übrigens argumentierte Schumpeter bereits, dass die Dividende eines Aktionärs kein (Kapitalgüter-)Zins sei, sondern ein Anspruch auf Monopol- oder Bodenrente der Aktiengesellschaft! Deshalb könnten nur Firmen mit dauerndem Renteneinkommen das Eigenkapital dauernd “verzinsen”. Als Beispiele nannte er z.B. Trusts/Monopole, Bahnen und andere Infrastrukturbetriebe, “Spekulationsbanken”, oder Firmen, die immer neue Renten erschliessen (was wir heute wohl Konzerne nennen würden).

  9. Die Kombination von österreichischer Geld-/Konjunkturtheorie und Georgischer Land-/Konjunkturtheorie nennt sich übrigens Geo-Austrian oder Austrian Georgism. Ein höchst interessanter Ansatz! Im 20. Jahrhundert haben z.B. Yeager, Foldvary und Gaffney dazu geschrieben.

  10. Arbeitsteilige Wirtschaft muss immer vorfinanziert werden, ist also gesamtwirtschaftlich kein Tausch. Deshalb steht logischerweise der Kredit am Anfang. Alle Einkommen müssen vorfinanziert und der Geldsparer blockiert nur die Tilgung der Kredite. Der Skandal ist also nicht die Zahlungsmittelschöpfung der Banken, sondern es sind die Ökonomen, welche immer noch mit dem Tauschparadigma einer fiktiven Subsistenzwirtschaft auf den real existierenden Kapitalismus losgelassen werden.

    Robinsonaden für Arbeitsteilung gehen so:
    https://guthabenkrise.wordpress.com/2011/07/29/teil-3-die-vorfinanzierungswirtschaft-als-robinsonade/

  11. Zu einfach gestrickt!

    “Die gemeuchelten Eichhörnchen wiederum verkauft Robinson gesalzen und gepökelt an Freitag; die Erlöse i.H.v. 1.000 werden in einem Betrag am Ende der Periode von Freitag an Robinson gezahlt.”
    Diese Aussage von Löhr tritt eindeutig zu kurz und beschreibt das bestehende komplexe System nicht. Robinson (bzw. die Robinsons) verkauft ja nicht an Freitag, sondern an andere Inselbewohner, Und diese Robsinsons – verkaufen nicht nur Konsumprodukte, sondern meist tInvestitionsprodukte an andere Inselbewohner. Ob die aber nun kaufen, ist ungewiss, da sie hierfür ebenfalls Kredite aufnehmen müssen, um Robinsons Schulden ablösen zu können Erst ganz am Ende der Produktionskette und zeitlich später stehen die Konsumgüter. Trotzdem müssen Freitag, Robinson una alle anderen heute nicht hungern, da sie schon vorhererzeugten Konsumgüter verzehhren können.
    Ich habe das bereits 1994 in Binswanger/Flotow “Geld und Wachstum” beschrieben-
    Ernst Dorfner, Linz

    1. Grundsätzlich ein richtiger Einwand, der aber gerade dadurch obsolet wird, dass die Verzinsungsproblematik außen vor gelassen wurde. In diesem Beispiel geht es um die Korrespondenz zwischen Abschreibungen und Kredittilgung. D. Löhr

      1. IIch meine, der Einwand wird nicht obsolet! Dide Verzinsungsproblemtik macht die Sach nur noch komplexer: Es etrden nicht nur die Schulden weitergegeben, sondern müssen die alten Schulden durch neue und höhere Schulden abglöst werden, die um den Mehrwert in Geld realisieren zu können. Das ist ja die Frage von Marx: Wo kommt das Geld her, um den Mehwert zu versilbern?
        Die große Problematik ist ja, dass die Schulden nie getilgt, sondern nur weitergegeben werden können. Ernst Dorfner

      2. Ich glaube, wir reden aneinander vorbei. Ich habe die Verzinsungsproblematik bewusst auch deswegen weggelassen, um nicht zwischen dem Investitions-Ersparniskreislauf und dem Konsumgüterkreislauf unterscheiden zu müssen. Das hätte die gesamte Darstellung kompliziert (Blogartikel, kein Lehrbuch!) und von dem zentralen Punkt abgelenkt. Diese Abstraktion bedeutet ja nicht, dass die von Ihnen dargestellten Probleme nicht existieren.

  12. Ich habe den Artikel heute in der aktuellen Ausgabe der Humanen Wirtschaft gelesen. Als Einstieg zitiere ich aus einem Ihrer Kommentarbeiträgen hier oben:

    > In diesem Beispiel geht es um die Korrespondenz zwischen Abschreibungen und Kredittilgung.

    Das ist der Punkt, der Verwirrung auslöst. Wie soll eine Abschreibung mit einer Tilgung korrespondieren? Wenn der Speer niemals treffen würde, wäre der Speer abgeschrieben, aber die Kreditverpflichtung ist nicht getilgt. Daher teile ich die Einwände zweier Kommentaristen diesbezüglich. Es ist bedauerlich, dass dieser Verkauf der Tierchen nicht in die Bilanzen auftaucht.

    Um es kurz fassen zu können, beschränke ich mich jetzt darauf, meinem Haupteinwand gegen Ihrem Artikel zu benennen. Sie – das ist nicht böse gemeint – beruhigen Ottonormalverbraucher mit der Aussage, dass trotz Kreditgeldschöpfung Ersparnisse vorausgesetzt seien. Im Verlaufe des Artikels gehen Sie von “entsprechenden Finanzierungsmittel” quasi gleitend in Realersparnisse über.

    Nun, ist das ein “Eingeständnis”, dass *Geld*ersparnisse tatsächlich NICHT voraussetzung sind? Und das ist genau die Frage, dessen Beantwortung in diesem Sinne bei Ottos Normalverbrauchers ein großes Unbehagen auslösen würde: “Wozu noch Geld bei der Bank lassen?” Natürlich – um Missverständnisse vorzubeugen – das bleibt nötig. Aber wie es Tobin sagte: es muss bloß jemand in der Kette der Geldtransaktionen, die originär von einer Kreditgeldschöpfung ausgelöst werden, bereit sein, sein Geld länger bei der Bank “ruhen” zu lassen. Das ist voraussetzung für die *Erweiterung* der Kreditvergabe.

    Ganz wichtiger Punkt: nur diese Kausalität (zuerst der Kredit, dann der Guthaben) kann ein Bewusstsein dafür schaffen, dass Guthaben definitonsgemäß bereits Kredite gegenüber stehen, und nicht erst, wenn ich es für längere Zeit parke. Daraus sollte folgen, dass übertriebene Kassenhaltung (auf der Bank) Kredittilgung ermöglicht.

    Sehr schön hat dies Randy Waldman auf seinem Blog zum Ausdruck gebracht:
    > Suppose that the cash-rich then find themselves holding more bank deposits then they prefer to hold. Mechanically, they have absolutely no ability to redeem the deposits for other assets. The only way that deposits in aggregate are reduced is when loans are repaid to the banking system. But the cash-rich have very few loans to repay! Unless they pay off the loans of the cash-poor, taking losses to uphold the collective preferences of a putative nonbank private sector, bank deposits are as inescapable to cash-rich as base money is to the private sector as a whole.

    http://www.interfluidity.com/v2/4522.html

    1. Hallo,
      es würde nichts an den Konsequenzen der Darstellung ändern, wenn der Verkauf der Tiere eingebracht würde. Ein paar Buchungssätze mehr, dafür weniger Übersicht und weniger Verständnis für die Vorgänge. Das ist halt das Wesen der Abstraktion: Für den Sachverhalt unwesentliche Dinge weglassen.
      Was die Korrespondenz von Abschreibungen und Tilgungen angeht: Woher nimmt denn ein Unternehmen sonst die Mittel zur Tilgung? Warum arbeiten Banken mit Kennzahlen wie dem dynamischen Verschuldungsgrad? Warum wird auf die Fristenkongruenz zwischen Invest und Finanzierung geschaut? Mir ist schon klar, dass das nicht im Bewusstsein der Diskutanten ist. Aber vielleicht denken Sie einmal ein wenig über diesen Zusammenhang nach. BG D. Löhr

  13. P.S.: Mir ist es etwas gegen den Strich gegangen, dass Eichhörnchen als Jagdobjekte herhalten mussten. Ich verstehe, dass dies einfach als – sagen wir mal – witziges Beispiel eines agilen Tierchens gewählt wurde, aber dennoch: Eichhörnchen sind für mich die niedlichsten Tiere überhaupt. Kinder lieben Eichhörnchen leidenschaftlich.

    1. Mein Gott, ich liebe die Tierchen auch. Für den Mangel an Political Correctness möchte ich mich nun wirklich nicht entschuldigen – auch dies ist einer der Punkte, auf den es in dieser Diskussion NICHT ankommt. BG DL

  14. Sorry – eine Korrektur: “Daraus sollte folgen, dass übertriebene Kassenhaltung (auf der Bank) Kredittilgung ermöglicht.” – muss sein: VerUNmöglicht.

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