Wie ein 26-jähriger Nerd Pikettys Thesen auseinander nimmt

Dirk Löhr

Matthew Rognlie hat zentrale Aussagen Thomas Pikettys relativiert und zum Teil widerlegt.

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Thomas Piketty

Anders als der Bestseller-Autor berücksichtigt der junge Mathematiker auch die Bedeutung des Immobilienmarktes. Hierzu s. den Beitrag in DIE WELT vom 07.04.2015:

26-jähriger Nerd nimmt Pikettys Thesen auseinander (bitte klicken)

Anders als im Artikel beschrieben, sind übrigens nicht “die Häuser” der entscheidende Aspekt, der von Piketty vernachlässigt wird. Es ist vielmehr der Grund und Boden mit seinen Erträgen – also der Bodenrente. Erwähnt, aber leider nicht ausgeführt wird dabei auch, dass die Grundsteuer das Instrument der Wahl für eine Verringerung der Ungleichheiten in der funktionalen Einkommensverteilung ist – indem die Bodenrente zugunsten der Allgemeinheit abgeschöpft wird.

Das zentrale Paper von Rognlie finden Sie hier zum Download:

Deciphering the fall and rise in the net capital share (bitte klicken)

Wer sich nicht nur aufregen, sondern auch etwas tun will, kann sich in der Unterstützerliste des bundesweiten Aufrufs

“Grundsteuer: Zeitgemäß!” (bitte klicken)

eintragen.

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7 thoughts on “Wie ein 26-jähriger Nerd Pikettys Thesen auseinander nimmt”

  1. Ein sehr interessantes Paper von Rognlie. Er widerlegt damit eine der Kernthesen von Piketty.

    Aber widerelgt er nicht auch die Bedeutung der Bodenrenten? Denn seine Aufschlüssel des corporate capital income ergibt ja, dass der Zuwachs fast nur von der profit margin kam, während das land capital income ziemlich konstant blieb (Abbildung 6, S. 38/39)

    Zudem zeigt er, dass die Steigerung insgesamt seit den 1980ern vor allem aus dem housing capital kam, dort aber nicht aus dem land capital, sondern aus dem structures capital, also den Immbolien. Siehe Kapitel 3.3:

    “In other words, there has been a shift in net capital income from non-residential to residential land—but the decline in the former has been larger than the growth in the latter, suggesting that the direct contribution of land to net capital income in the US has actually
    fallen.”

    “For instance, the rise in net income for the housing sector has come both from residential structures and land, but figure 11 attributes a larger portion of the increase (and of the level) to structures. This may come as a surprise, since one plausible hypothesis for the growth of net
    housing income is the rising scarcity of land”

    Der Autor schränkt dies jedoch ein, weil die Aufwertung der Landpreise in dieser Berechnung nicht abgebildet sei:

    “In part, the secondary role of residential land here comes from its more rapid price appreciation. Since I assume that the net rate of return including expected capital gains is equalized between residential structures and land, the net rate of return excluding expected capital gains—which is used in the decomposition, because income in the national accounts also excludes capital gains—is significantly lower for land. In a sense, then, the lesser role of land is due to the idiosyncrasies of national accounting; and an alternative definition of net capital income that included some form of expected capital gains would show a larger impact from land.”

    Die Bedeutung des Landes läge dann aber nicht primär an den Bodenrenten, sondern an der Aufwertung der Landpreise. Wobei dazwischen ein enger Zusammenhang bestehen müsste.

    Wie sehen Sie das?

    1. Hallo,
      m.E. ist die Produzentenrente im Kern im Wesentlichen nichts anderes als die Bodenrente (s. hierzu http://www.zfsoe-online.de/ZfSO-176-177.LOHR.pdf).
      Die Neoklassik hat auch hier mit ihrer Annahme steigender Grenzkosten in die Irre geführt. Steigende Grenzkosten können nicht auf ein und demselben Standort beobachtet werden, sondern zwischen verschiedenen Standorten. Insoweit sind die Unternehmen – wie Mason Gaffney zutreffend sagt – zu einem erheblichen Teil “hidden land banks”, wobei man “Land” als Genus sehen muss (dazu gehören z.B. auch Patente als Assets mit ähnlichen Eigenschaften wie Land). Beste Grüße, D. Löhr

      1. OK. Rognlie bestätigt dies insofern, als auch er davon ausgeht, dass die Zunahme der Profitmarge (“pure profit”, “residual income”) unter anderem auf Marktmacht und Monopolrente zurückgeht, die Sie vermutlich unter “Landrente” im weiteren Sinne fassen. Kapitel 1, Seite vier:

        “To some extent, this residual reflects cyclical variation in markups, but its long-term pattern—which parallels the U-shaped pattern in capital income as a whole—may hint at broader changes in market power and the importance of monopoly profits.”

        Die unternehmerische Landrente im engeren Sinne war gemäss Rognlie in den letzten 70 Jahren jedoch rückläufig (Abb. 6, wobei es von den 1990ern bis zum Crash 2007 eine Zunahme gab).

        Die entscheidende Frage ist dann, welchen Anteil Immobilien vs. Land im housing sector haben, der für die steigende capital income share seit den 1970ern hauptverantwortlich war. Rognlie sagt, “the direct contribution of land to net capital income in the US has actually fallen.”, aber vielleicht geht dies wirklich auf statistische Verzerrung zurück, wegen der unberücksichtigten Zunahme des Landwertes.

    2. Hallo,
      ich sehe das ähnlich, zumal die Landrente keine feste Größe ist. Je höher z.B. die Besteuerung, umso geringer die Landrente (als sozialer Surplus). Daher wohnt man in Trier und arbeitet in Luxemburg. Auf der anderen Seite gab es im Unternehmenssektor eine immer heftigere Konzentration, und damit wurden ebenfalls Renten erzielt. Das passt jedoch nicht ohne Weiteres in das Schema, das ich im Aufsatz dargelegt habe; hier muss auch eine revidierte Theorie der Nachfrage her (bei der Standorte und Standortpräsenz v.a. über das Vertriebssystem aber eine große Rolle spielen). Wenn ich Zeit habe, bringe ich die Sache irgendwann einmal zu Papier. BG D. Löhr

      1. Es ist ein sehr interessanter Ansatz. Auch der Angriff auf die klassische Angebotskurve mit den steigenden Grenzkosten gefällt mir gut. Die Oekonomie ist voll von solchen fundamentalen “Vereinfachungen” und Fehlannahmen, die dann zu gravierenden Folgefehlern führen.

        Hab mir auch Ihr Buch “Prinzip Rentenökonomie” bestellt. Gibt es inzwischen ein Echo darauf, wurden die Ueberlegungen aufgenommen? Von Stiglitz oder anderen?

        Habe auch mal Rognlie zu seinem Paper kontaktiert. Immerhin weist er das “land capital” im engeren Sinne separat aus, aber er argumentiert natürlich noch nicht mit den “Bodenrenten” im weiteren Sinne.

  2. Aus dem Artikel der “Welt”:

    “Denn niemand, Piketty nicht und auch keiner seiner Kritiker, ist bisher auf die Idee gekommen, verschiedene Arten von Kapitaleinkommen einzeln zu analysieren. Das hat erst Matt Rognlie getan – und dabei Überraschendes herausgefunden.”

    Das scheint mir generell einer der “Kapitalfehler” in der Oekonomie zu sein: Es wird viel zu oft mit Aggregatsgrössen hantiert, ohne die Dynamik der einzelnen Bestandteile zu prüfen, die oft gegensätzlich sein kann. Auf Ebene der Aggregatsgrössen lässt sich daher unmöglich ein fundiertes Verständnis für einen ökonomischen Prozess erlangen.

    1. Leider ist dieser Ansatz im deutschen Sprachraum kaum präsent. Erste schritte in diese Richtung machen Ottmar Edenhofer (TU Berlin) oder Backhaus (Uni Erfurt), bewegen sich dabei aber auch nicht auf Unternehmensebene. Im georgistischen Spektrum im englischsprachigen Ausland hat man aber durchaus schon solche Überlegungen getätigt. Das Problem hier: Zu monokausal, das gleitet teilweise ins Ideologische ab. Insbesondere aber wurden die Überlegungen Rognlies hier durchaus vorweggenommen, ohne dass es viel Aufsehen erregt hätte. Hinsichtlich der Aggregatbetrachtung stimme ich zu – v.a., wenn die Aggregate nicht Ziel führend definiert sind (man muss nur einmal unsere VGR ansehen, da ist alles im Topf “Einkommen aus Unternehmertätigkeit und Vermögen” verrührt, was man zweckmäßigerweise trennen sollte: Ökonomische Renten, Zinsen, Risikoprämien, Leistungseinkommen aus dispositiver Tätigkeit. BG D. Löhr

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