Auslandsjournal (ZDF): Die Käfigmenschen von Hong Kong

Dirk Löhr

Einerseits ist Hong Kong ein Musterbeispiel dafür, was durch eine Umschichtung der öffentlichen Finanzen von herkömmlichen Steuern auf Bodenrenten wirtschaftlich erreicht werden kann. Nach dem Abschluss des 99-jährigen Pachtvertrages (Convention von Peking über Hongkong) mutierte die Hafenstadt unter der Herrschaft der Briten innerhalb eines Jahrhunderts zum “City Tiger”. Andererseits ist Hong Kong auch Opfer seines Erfolges: Die Zuwanderung erzeugte eine mittlerweile unerträgliche Einwohnerdichte. Und schließlich illustriert das Beispiel Hong Kong auch, was passieren kann, wenn das Abschöpfen der Bodenrenten nur halbherzig geschieht: Die Erbbaurechte werden in Hong Kong gegen einen “Kaufpreis” ausgegeben; steigen die Bodenrenten und damit der Wert der Erbbaurechte aufgrund weiterer Zuzüge von Einwohnern und eines Anstiegs der Wirtschaftskraft weiter an, so fällt dieser Anstieg nicht der öffentlichen Hand zu, sondern den Inhabern der Landrechte (wenngleich diese nur auf Zeit gewährt wurden). Auch in Hong Kong läuft daher die Maschinerie des Rent Seeking – und zwar auf vollen Touren. Das System Hong Kong wurde u.a. auf die urbanen Regionen der Volksrepublik China übertragen und heizt auch dort Immobilienspekulation und soziale Ungleichheit an.

Der Report von ZDF-Korrespondent Thomas Reichart, ausgestrahlt im Auslandsjournal vom 27. Mai, berichtet über die desolate Wohnsituation der Durchschnittsbewohner in Hongkong:

Leben auf zwei Quadratmetern – Die Käfigmenschen von Hongkong (bitte klicken)

Aus der Beschreibung des Beitrags auf der ZDF-Homepage:

“In Hongkong, einer der reichsten Städte Chinas, leben bis zu 130.000 Menschen in Metallkäfigen. Rund 2 Kubikmeter ist ein solcher Käfig groß, nicht viel mehr als eine Box in einem deutschen Tierheim. Die Menschen leben eingepfercht, ihre Behausungen sind gestapelt wie Umzugskisten. Aufrecht stehen ist in einem Käfig unmöglich, mehr als das Nötigste passt nicht hinein. Den Käfigmenschen bleibt keine Wahl: Eine Wohnung können sie sich nicht leisten.

Die Kluft zwischen Arm und Reich ist groß in der asiatischen Wirtschaftsmetropole. 1,3 Millionen Menschen der 7 Millionen Einwohner leben unterhalb der Armutsgrenze. Doch selbst die Käfige kosten bis zu 190 Euro Miete monatlich. Vermieter haben das Wohnmodell als lukratives Geschäft entdeckt: Wohnraum mit Käfigen auszustatten bringt mehr Einnahmen als ihn klassisch zu vermieten. Und die Nachfrage ist hoch: Seit Beginn der Weltwirtschaftskrise 2008 ist die Zahl der Käfigbewohner um etwa 10 Prozent angestiegen.”

 

 

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2 thoughts on “Auslandsjournal (ZDF): Die Käfigmenschen von Hong Kong”

  1. Honkong ist ein nachdrückliches Beispiel dafür, dass auch mit Erbbaurechten spekuliert werden kann. Gegenüber der üblichen Eigentumsordnung gibt es aber zwei auf Dauer sehr wichtige Verbesserungen, die die Spekulationsgewinne einschränken:
    1. Die Erbbaurechte sind zeitlich befristet. Nach Ablauf der Frist können neue Verträge abgeschlossen werden. Das können dann auch Verträge sein, die die künftige Bodenrente nachhaltiger abschöpfen, als die jetzt üblichen. Eine Entschädigung der alten Vertragsinhaber ist dann nicht fällig.
    2. Bei Veränderungen der Stadtplanung, die eine höhere bauliche Nutzung mit sich bringen, wird die dadurch erhöhte Bodenrente durch eine erneute Kapitalzahlung abgeschöpft. Dem Erbbauberechtigten wird die Nutzung also nur im Rahmen der alten Bauleitplanung erlaubt. Das erweiterte Recht muss er zusätzlich erwerben.

    Außerdem ist erwähnenswert, dass Honkong zumindest einen Großteil der Einnahmen für den sozialen Wohnungsbau eingesetzt und dafür hervorragende Architekten aus aller Welt angeworben hat, um aus den immer knapper werden Bodenflächen (Flüchtlinge aus Rot-China) baulich das Beste zu machen. Dazu gab es in Frankfurt/M vor Jahrzehnten eine Architekturausstellung, bei der auch der Honkonger Stadtplaner sprach und mir im anschließenden persönlichen Gespräch bestätigte, dass die architektonischen Leistungen ohne die besondere Bodenordnung Honkongs nicht machbar gewesen wären.

    Später las ich, China habe die Honkonger Bodenordnung übernommen. Aber die Berichte über Immobilienspekulationen in Chinas großen Städten sind nicht differenziert genug, um erkennen zu können, ob wenigstens die Standards von Honkong vollständig übernommen oder gar weiterentwickelt worden sind. Von Seiten der westlichen Wirtschaftswissenschaft hat es dafür wohl leider keine guten Ratschläge gegeben.

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