Stiglitz über Umverteilung

Dirk Löhr

Im Nachgang zum Blogartikel DRAGHIS GELDPOLITISCHE BAZOOKA: EIN SCHUSS INS EIGENE KNIE?” mag auch der Vortrag von Joseph E. Stiglitz interessant sein:

New Theoretical Perspectives on the Distribution of Income and Wealth Among Individuals (bitte klicken)

Joseph E. Stiglitz
Joseph E. Stiglitz

Hierbei setzt sich Stiglitz ein weiteres Mal mit Piketty auseinander, der bereits in unserem Blogbeitrag

PIKETTY: MARX RELOADED ODER ALTER WEIN IN NEUEN SCHLÄUCHEN? (bitte klicken).

kritisiert wurde.

Im Rahmen der Niedrigzinspolitik (auch der Europäischen Zentralbank) wurde ein “Anlagenotstand” herbeigeführt. Dadurch wird Geld aus der Realwirtschaft in rententragende Assets der “Finanzstratosphäre” abgelenkt, also vor allem Unternehmensanteile und Land. Diese werden im Wert aufgeblasen, während die Investitionen in der Realwirtschaft immer weiter zurückgehen, wie auch Stiglitz betont. Unserer Meinung nach wachsen mit der Inflationierung der Finanzstratosphäre durch die geldpolitischen Spritzen die Ansprüche der dort “engagierten” Eigentümer an das in der Realwirtschaft erzeugte Sozialprodukt immer weiter an – dies bedeutet Umverteilung! Interessant sind dabei auch Stiglitz’ Aussagen hinsichtlich der Zusammensetzung der Assets: Während der normale “Mittelklassesparer” sein Geld eher in zinstragenden Investments hält (die kaum mehr Erträge erbringen), sind die Reichen eben in Unternehmensanteilen und Land investiert, die im Wert immer weiter ansteigen. Das Fazit: Die an sich wünschenswerte Niedrigzinspolitik führt UNTER DEN GEGEBENEN UMSTÄNDEN (!!!) zu Umverteilung von unten nach oben.

Stiglitz führt ähnliche Gedanken (auch über die Bedeutung von Land und Unternehmensmonopolen) noch einmal in einem Interview aus, in dem er sich mit Piketty auseinandersetzt:

Joseph Stiglitz: Thomas Piketty gets Income Inequality wrong

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: An sich ist eine Niedrigzinspolitik eine gute Sache; sie hat das Potenzial, die Konjunktur anzukurbeln und Verteilungskonflikte zu entschärfen. Problematisch wird es “nur”, wenn gleichzeitig die Möglichkeit aufrecht erhalten wird, in rententragende Assets auszuweichen. Dann kann sie ihre segensreiche Wirkung eben nicht entfalten – sondern kann zum Fluch werden.

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3 thoughts on “Stiglitz über Umverteilung”

  1. Hallo Prof. Löhr,
    die Zinsen müssten also noch weiter sinken, um den “Anlagenotstand” zu beheben. Sinken können die Zinsen jedoch nicht, weil das Geldvermögen (wegen der geringen Zinsen) lieber in rententragende Assets der “Finanzstratosphäre” abgelenkt wird. Hab ich es richtig verstanden?
    Basierend auf dieser Überlegung kann jedoch die Antwort nicht sein, die Niedrigzinspolitik der Zentralbanken aufzugeben und für höhere Zinsen zu sorgen. Das ist doch den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben. Höhere Zinsen führen doch nicht zwangsläufig zu höheren Investitionen.
    viele Grüße
    Georg Lehle

    1. Hallo Herr Lehle,
      Sie haben Recht, deswegen sprach ich ja auch davon, dass die Niedrigzinspolitik unter den gegebenen Umständen ihre eigentlich segensreiche Wirkung nicht entfalten kann. Das würde nur im Kontext mit einer Politik funktionieren, welche die ökonomischen Renten aus Land, Ressourcen etc. abschöpft – und zwar auch, soweit sie die Unternehmensgewinne speisen. Erst dann gibt es keine Blase mehr als Folge der Niedrigzinspolitik, erst dann wird nicht mehr das Geld von der Realwirtschaft weg in die Finanzstratosphäre abgelenkt – mit durchaus beachtlichen verteilungspolitischen Konsequenzen.
      Beste Grüße, Dirk Löhr

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