Wem gehört das Internet?

Anton Weber*

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Das Internet ist wie das Eisenbahnnetz ….

Aber ein weltweites. Es gibt dort Bahnhöfe, Stellwerke, Haltestellen, Züge und Wagons, Passagiere und Frachtsendungen, natürlich ein Streckennetz und Fahrkarten. Einen ersten Unterschied gibt es: es gibt keine Fahrpläne. Jeder kann fahren  wann und wohin er will. Wär‘ ja  toll, wenn das auch so bei der Bahn so möglich wäre.

Stellen wir uns weiter vor, es gäbe so ein weltweites Eisenbahnnetz, bei dem alle Passagiere, alle Warensendungen gleich viel wert sind. Nichts wird bevorzugt. Egal ob jemand 100 Barren Gold oder einen Sack Reis versendet, es kostet immer gleich viel pro Kilo oder pro Kubikmeter. Klingt verrückt? So ist das Internet aber organsiert. Alle Passagiere, alle Datenpakete sind gleich, nichts wird per se priorisiert – fast schon sozialistisch. Verwaltet wird das das Ganze  an oberster Stelle aus den USA.

ICANNDas macht die ICANN [1].

 

 

ICANN  (Internet Corporation for Assigned Names and Numbers) als “zentrale Bahngesellschaft” des Internets

Wer ist nun eigentlich die ICANN? Die ICANN kommt ganz unscheinbar daher als Non-Profit-Organisation. US-basiert, nach US-Recht korporiert, mit Sitz in Los Angeles  und mit einer Lizenz, einem Vertrag vom US-Department of Commerce (DoC) ausgestattet.

Die ICANN, und mit ihr die verschwisterten Internet-Organisationen IANA und IETF, unterstehen der NTIA [2] einer Behörde des DoC [3].

NTIA

Sie bestimmt an oberster Stelle die Vergabe von IP-Adressen und Domainnamen, also über die Anzahl und regionale Verteilung der Bahnhöfe und Haltestellen des Internets. Sie vergibt als oberste Instanz die sogenannten AS-Nummern, das sind die autonomen Systeme (AS), die Bereiche von IP-Adressen die dann von einem Internet Service Provider (ISP), das sind die regionalen Bahngesellschaften, auch Local Internet Registry genannt, selbstständig verwaltet werden.

Die IETF übrigens setzt die technischen Standards [4] wie was im Internet versendet und verarbeitet wird. Sie legt damit de facto fest wie lang die Wagons sind und wie gross die Spurweite der Eisenbahnstrecken zu sein hat, was dann die lokalen ISPs berücksichtigen müssen.

Ein schnelles Streckennetz nutzt den lokalen ISPs, Firmen Verizon oder der Telekom per se wenig. Es freuen sich die grossen Fahrkartenbesitzer, die Content-Anbieter mit Zugang zu grossen Bahnhöfen, mit vielen IP-Adressen, Firmen wie Google oder Netflix, weil sie so ihre Ware, ihre Passagiere leichter und schneller zum Konsumenten an den kleinen Haltepunkten, dem DSL-Anschluss von John Doe, bringen können.

 

Die grossen Internetfirmen kommen aus den USA: Zufall?

Darüber sollten wir uns nicht wundern, denn dass das Department of Commerce als oberste Aufsichtsbehörde des Internets ausgewogen allen Organisationen der Welt gleich gerecht wird, ist wohl nicht zu erwarten.

Das ganze System funktioniert so, dass letztendlich die USA den Daumen drauf haben. Der Besitz, das Nutzungsrecht von vielen IP-Adressen  ist bares Geld wert.

Die Kombination aus IP-Adressen und den zugehörigen Domainnamen sowie interessanten, meist zahlungspflichtigen Inhalten und leistungsfähigen Netzwerken mit Kommunikationssatelliten und Seekabeln aus Glaserfaser ist es, das Firmen wie Google oder Amazon so wertvoll  macht.

 

Warum machen sich Länder kein eigenes Internet?

Weil es teuer ist. Ein Staat könnte natürlich seinen lokalen ISPs auferlegen ein lokales Internet zu bauen, mit eigenen IP-Adressen, eigenen Domainnamen und speziellen Netzwerk-Protokollen die z.B. Daten besser verschlüsseln. Aber dies wäre eben nur ein lokales Internet, völlig abgeschottet vom restlichen Internet. Um das weltweite Internet weiterhin nutzen zu können, wären viele zusätzliche Vermittlungsknoten und Rechenzentren  notwendig. Wer will sich so eine zusätzliche Infrastruktur schon leisten? Diktaturen vielleicht.

 

Das Internet: Google, Facebook und Amazon – nicht der DSL-Anschluss!

Die Menschen wollen Googlen, bei Amazon einkaufen, sich bei Facebook austauschen. Die physischen Datenleitungen dahinter nehmen die meisten gar nicht wahr. Die reinen Glasfaserkabel, die DSL-Anschlüsse sind fast wertlos. Wer will schon einen DSL-Anschluss ohne Google haben? Entscheidend sind die Dienste, die angeboten werden und diese sind  de facto monopolisiert in den USA.

 

Ein virtuelles Land

Das Internet ist eine weltweite Ressource so wie Wasser und Land, nur eben genauso mit Eigentumsrechten versehen. Entscheidend ist dabei der Besitz der Dienste mit denen Gewinn gemacht wird. Der Google-Suchindex, sprich die Google-Datenbank oder auch die Serverfarmen von Facebook plus der Zugang zu ihnen, sind der entscheidende Asset.

Will man das Internet demokratisieren, gerechter verteilen, muss man hier ansetzen. Eine Internationalisierung der ICANN wird ja schon länger diskutiert. Es wäre ein erster Schritt.

 

Quellen:

[1] Wikipedia-Artikel ICANN (letzte Änderung: 2014 ). Online: http://de.wikipedia.org/wiki/Internet_Corporation_for_Assigned_Names_and_Numbers (eingesehen: 28.12.2014)

[2] Wikipedia-Artikel NTIA (letzte Änderung: 2014). Online: http://en.wikipedia.org/wiki/National_Telecommunications_and_Information_Administration (eingesehen: 28.12.2014)

[3] o.V./ Heise (2014): IANA-Übergabe: ICANN sollte dem globalen Internet verpflichtet sein, in: Heise Online vom 9.11. Online: http://www.heise.de/newsticker/meldung/IANA-Uebergabe-ICANN-sollte-dem-globalen-Internet-verpflichtet-sein-2444906.html (eingesehen: 28.12.2014)

[4] Ermert, M. (2014): 91. Treffen der IETF: “Standards zu entwickeln ist politisch”, in: Heise Netze vom 14.11. Online: http://www.heise.de/netze/meldung/91-Treffen-der-IETF-Standards-zu-entwickeln-ist-politisch-2457354.html  (eingesehen: 29.12.2014)

* Dr. Anton Weber ist Datenschutzbeauftragter der Grammer AG.

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