Welche Interessen stecken hinter der derzeitigen „dysfunktionalen“ Geldpolitik?

Johann Walter

Die Geldpolitik stellt in jüngster Zeit – fast schon panikartig – sehr viel neues Geld bereit bzw. steigert die Geldbasis. Auch die Geldmengen M1 bis M3 und die Bilanzsummen der Banken wuchsen zuletzt im Vergleich zum BIP überproportional. Denn das neue Geld fließt zu großen Teilen auf Assetmärkte oder bleibt als Spar- oder Termineinlagen bei Banken geparkt (vgl. Blogbeitrag vom 5.11.).

Dies ist in mehrfacher Hinsicht dysfunktional: wird neues Geld über den Bankensektor in die Wirtschaft geleitet, und schöpfen Banken neues Geld dadurch, dass sie Kredit geben oder Vermögenswerte kaufen, so wandert das neue Geld wahrscheinlich von vornherein in die „Liquiditätsfalle“ bzw. in den Assetbereich und steigert dort die Preise. Dann sind Assetpreisinflation (Blasen) und in Finanzkrisen möglich. Bei Kreditgeldschöpfung ist Überschussliquidität zudem Überschussverschuldung. Dann wachsen die Schulden schneller als der Produktionswert; „Polarisierung“, „Instabilität“ und „Wachstumsdruck“ nehmen zu.

Um diese Probleme zu mildern, kann die Art der Geldschöpfung geändert bzw. korrigierend in unrunde Geldumläufe eingegriffen werden. Dazu gibt es eine breite wissenschaftliche Diskussion und bereits konkrete praktikable Vorschläge (vgl. Walter 2013 und 2014).

Warum wird derzeit dennoch weiter auf herkömmliche expansive Geldschöpfung gesetzt – trotz der angesprochenen Probleme? Zur politischen Ökonomie der expansiven Geldpolitik wörtlich Sauga (2013), der die aktuelle sehr expansive japanische Geldpolitik kommentiert:

„Wirtschaftlich ist Japans neues Währungsregiment … zweifelhaft, politisch aber hat es eine hohe Verführungskraft. Geld so billig zu machen wie irgend möglich, erleichtert … das Regierungsgeschäft. … Die Politiker freuen sich, weil sie leichter neue Schulden machen können. Wer seinen Wählern Ausgaben auf Kredit verspricht, schneidet beim Stimmenfang in der Regel besser ab als der Kollege, der Steuern erhöhen oder Renten kürzen will. Die zweite Gewinnergruppe sind die Vermögenden. Seit Jahren fließt das Geld der Zentralbank weniger in die Güterwirtschaft als in die weltweiten Aktien-, Rohstoff- oder Immobilienmärkte – und damit in die Taschen jenes oberen Zehntels der Bevölkerung, dem der Großteil der entsprechenden Anlagen gehört. So sind die US-Börsenkurse in den vergangenen zwei Jahren um 15%, die Goldpreise um 24% und deutsche Immobilienwerte in Großstädten um 20% geklettert. Die größten Renditen freilich schöpfen diejenigen ab, die von jeher an lockerem Geldmanagement und steigenden Vermögenspreisen ein besonderes Interesse haben: die Mächtigen der Finanzindustrie. Sie sind die Ölscheichs des Gewerbes, die mit dem Rohstoff der Zentralbanken ihre Spekulationsprofite sichern“.

Die Verlierer dieser Politik sind zu schwach, sich dagegen zu wehren. Dazu noch mal Sauga: „Als Verlierer der aktuellen Geldpolitik darf sich … jene große Mehrheit der Bürger fühlen, deren Ersparnisse nicht in Sachwerten, sondern in Sparbüchern und Lebensversicherungen angelegt sind. Bei ihnen konzentrieren sich die Verluste, wenn die Zinsen fallen und die Lebenshaltungskosten stärker steigen. Finanzielle Repression nennen Ökonomen den Prozess, der bereits heute in vielen Ländern zu beobachten ist und von einer Währungspolitik im Tokio-Stil weiter befördert würde. Das Resultat wären der Schwund privaten Geldvermögens, mehr staatliche Schulden und eine wachsende Kluft zwischen Arm und Reich.“

Insgesamt gesehen sind Verlierer all diejenigen, die die Folgekosten einer aktiven „Geld-Asset-Pumpe“ (z.B.: höherer Schuldendienst, höhere Mieten, ökologische Schäden einer forcierten Wachstumsstrategie) zu tragen haben.

Dazu kommen spezielle internationale Probleme: Wird z.B. in Japan überschüssig Geld geschöpft, entsteht dort Kaufkraft, die auch in der Eurozone verwendbar ist – zum Kauf von Importgütern, aber auch von Assets (z.B. Land, Aktien). Zwar profitieren auch bei uns die Verkäufer von Gütern bzw. Assets. Per Saldo gelangen dabei aber Assets aus Europa in die Hände von Akteuren aus Japan. Dies ist also nicht nur eine „beggar my neighbour-policy“ (bei Abwertung des Yen), sondern auch eine „buy my neighbour-policy“! Wenn die OECD der EZB empfiehlt, beim Geldmengenwachstum nicht hinter anderen Währungsräumen zurückzubleiben (vgl. Mildenberger 2013), akzeptiert sie insofern die Anreize zu – allseits! – „aggressiver“ Geldpolitik und die geschilderten Nachteile von Überschussliquidität.

Fazit: an expansiver bis „aggressiver“ Überschuss-Geldpolitik sind vor allem Regierungen, Finanzindustrie und Vermögende interessiert. Diese werden ihre Interessen wahren wollen. Eine geldpolitische Umkehr erfordert demzufolge einen starken politischen Willen – und wohl auch internationale Absprachen.

Literatur:

M. Mildenberger (2013), OECD-Chef ruft EZB zu laxerer Geldpolitik auf Handelsblatt vom 27.5., online: http://handelsblatt.com/politik/konjunktur/geldpolitik

M. Sauga (2013), Prinzip Harakiri, in: Der Spiegel, 5, S. 75.

J. Walter (2013), Geldordnung: Schuldenkrise oder Free Lunch?, in: WiSt 4, S. 197-201.

J. Walter (erscheint 2014), Überschussliquidität: Ursachen, Folgen und mögliche Antworten der Geldpolitik, in: Zeitschrift für Sozialökonomie, 51. Jahrgang, 180./181. Folge.

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One thought on “Welche Interessen stecken hinter der derzeitigen „dysfunktionalen“ Geldpolitik?”

  1. Was ist die “Finanzkrise”?

    “Der Sparer erzeugt mehr Ware, als er selbst kauft, und der Überschuss wird von den Unternehmern mit dem Geld der Sparkassen gekauft und zu neuen Realkapitalien verarbeitet. Aber die Sparer geben das Geld nicht her ohne Zins, und die Unternehmer können keinen Zins bezahlen, wenn das, was sie bauen, nicht wenigstens den gleichen Zins einbringt, den die Sparer fordern. Wird aber eine Zeitlang an der Vermehrung der Häuser, Werkstätten, Schiffe usw. gearbeitet, so fällt naturgemäß der Zins dieser Dinge. Dann können die Unternehmer den von den Sparern geforderten Zins nicht zahlen. Das Geld bleibt in den Sparkassen liegen, und da gerade mit diesem Geld die Warenüberschüsse der Sparer gekauft werden, so fehlt für diese jetzt der Absatz, und die Preise gehen zurück. Die Krise ist da.”

    Silvio Gesell (“Die Natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld”, 1916)

    20 Jahre später bezeichnete der “Jahrhundertökonom” J. M. Keynes in seiner “Allgemeinen Theorie (der Beschäftigung der Politik)” dieses Phänomen, das sich zwangsläufig aus der Verwendung von hortbarem Geld mit Wertaufbewahrungs(un)funktion (Zinsgeld) ergibt, als “Liquiditätsfalle” – und beschrieb zwei Mittel, um sie hinauszuzögern: Erhöhung der Staatsverschuldung mit Ausgabe des Geldes für Projekte, die den Zinsfuß nicht senken (Löcher graben und wieder zuschaufeln, Kriegsrüstung, etc.), und Geldmengenausweitung.

    Um aus der Liquiditätsfalle herauszukommen, gibt es bei der weiteren Verwendung von Zinsgeld nur eine Möglichkeit: Eine umfassende Sachkapitalzerstörung muss den Zinsfuß anheben. Diese früher sehr beliebte “Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln” konnte jedoch nur solange der “Vater aller Dinge” sein, wie es noch keine Atomwaffen gab!

    Was ist Politik?

    “Im Grunde ist Politik nichts anderes als der Kampf zwischen den Zinsbeziehern, den Nutznießern des Geld- und Bodenmonopols, einerseits und den Werktätigen, die den Zins bezahlen müssen, andererseits.”

    Otto Valentin (“Warum alle bisherige Politik versagen musste”, 1949)

    Was nun?

    “Ich finde die Zivilisation ist eine gute Idee. Nur sollte endlich mal jemand anfangen, sie auszuprobieren.”

    Sir Arthur Charles Clarke (1917 – 2008)

    Der längst überfällige, eigentliche Beginn der menschlichen Zivilisation setzt die Überwindung der Religion voraus, die den Kulturmenschen “wahnsinnig genug” für ein darum bis heute fehlerhaftes Geld machte, lange bevor diese seitdem grundlegendste zwischenmenschliche Beziehung wissenschaftlich erforscht war:

    Einführung in die Wahrheit

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